Schweizer Magazin rezensiert “IRAN – Fakten gegen westliche Propaganda”
Das Schweizer Monats-Magazin ZEITPUNKT – nicht zu verwechseln mit den ebenfalls sehr guten Schweizer ZEIT-FRAGEN, was aber eine Wochenzeitung ist – ist eine Alternative zur Mainstreampresse und in unserem Nachbarland, teilweise aber auch bei uns sogar am Kiosk erhältlich. Die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Schwerpunktthema “Medien – Masse – Manipulation”. Ebenfalls in dieser Ausgabe findet sich die unten dokumentierte Rezension meines Buches. – Wer ZEITPUNKT bestellen möchte, schreibt an ZEITPUNKT, Werkhofstrasse 19, CH-4500 Solothurn (mail@zeitpunkt.ch). Leseproben gibt es auf www.zeitpunkt.ch
(Beginn Rezension ZEITPUNKT)
Christoph Pfluger
Iran, ein Schurkenstaat?
Baut der Iran Atomwaffen und strebt er die Vernichtung Israels an oder ist dies womöglich nur das Bild, das der Westen schafft, um früher oder später einen präventiven Angriffskrieg zu rechtfertigen? Wer hinter die propagandistischen Schlagzeilen schaut, kommt zum Schluss: Hier wird ein souveräner Staat mit List und medialem Dauerbeschuss kriegsfertig gemacht.
Der Iran ist für den Westen ein unbequemer Staat: Er ist strategisch einzigartig gelegen und seit Jahrtausenden praktisch ununterbrochen souverän. Er hat seine reichen Ölquellen nicht preisgegeben, er hat sich als islamistischer Staat organisiert, in dem Allah verehrt wird und nicht der Gott Mammon und er sorgt für die Zeit nach dem Öl vor. Zudem unterstützt er mit der Hisbollah eine Organisation, die nicht nur besser für die palästinensischen Vertriebenen im Südlibanon schaut als der Westen, sondern auch bereit ist, sich gegen Israel mit Waffengewalt zu wehren. Es gibt also Gründe zuhauf, warum sich die USA und die Kräfte, für die sie stehen, nichts sehnlicher wünschen als einen Regimewechsel. Dieser Wunsch hat sich seit 1951, als Mossadeq Ministerpräsident wurde und die Ölvorkommen verstaatlicht hatte, immer wieder manifestiert. 1953 putschten die britischen und amerikanischen Geheimdienste Mossadeq aus dem Amt und setzten den ihnen ergebenen Reza Pahlevi als Schah ein, mit dem sie bis zur islamischen Revolution 1979 durch Ajatollah Khomeini beste Geschäfte machten. Seither ist der Iran wieder ein Land, das mit allen Mitteln den westlichen Interessen untertan gemacht werden muss. 1980 überfiel der Irak, ermuntert von den USA den Iran. Ab 1985 belieferten die USA übrigens in bester machiavellistischer Manier beide Staaten mit Waffen. Dies verlängerte den Krieg und vergrösserte die Zerstörungen – zu wessen Vorteil?
1987 verbreiteten israelische Medien erstmals Gerüchte über ein angebliches iranisches Atomwaffenprogramm, das im Verlaufe der Jahre zu einem eigentlichen Krieg ohne Waffen führte mit Handelsembargo, diplomatischer Isolation, offenen Kriegsdrohungen und militärischen Zwischenfällen. Aber noch immer wollte der Iran nicht fallen. Um den angestrebten «Regime Change» zu erreichen, denken massgebende Kreise in den USA und Israel nun daran, einen als Präventivschlag deklarierten Krieg zu führen und stellen den Iran als Land dar, gegen den, ähnlich wie im Fall Iraks ein völkerrechtswidriger Krieg rechtfertigt werden kann. Zu diesem Zweck wird seine Führung als gemeingefährliches, irrationales Regime dargestellt, das sich Atomwaffen bastelt, um damit Israel zu vernichten. Diesem Erklärungsmuster folgt der kleine Band «Iran – Fakten gegen westliche Propaganda»*, und er zeigt überzeugend, mit welcher Hartnäckigkeit der Westen den Iran mit Propaganda der übelsten Sorte überzieht. Im Folgenden drei Beispiele unter vielen, die in dem Buch ausführlich dargestelllt werden:
- Fehlübersetzungen: Berüchtigt ist die Aussage des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad «Israel muss von der Landkarte gelöscht werden» – einer von vielen nachweislichen Übersetzungsfehlern, die von den Medien wider besseres Wissen ständig wiederholt werden. Gesagt hat er tatsächlich: «Dieses Regime, das Jerusalem besetzt, muss von der Karte der Zeit verschwinden.» Gemeint hat er, dass die zionistische Herrschaft genauso wie das Schah-Regie oder der Kommunismus an sein Ende kommen werde. Auch die Bezeichnung Ahmadinedschads als Holocaust-Leugner geht übrigens auf eine Falsch-Übersetzung zurück, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist und zum Bild eines neuen Hitler in Teheran beiträgt. Wie wichtig diese falschen Interpretationen für die westliche Strategie sind, zeigte die «Jerusalem Post» am 22. Juni 2008 gleich selber, als sie titelte: «Irans Aussage von der Zerstörung Israels darf in der Übersetzung nicht verloren gehen».
- Irans angebliches Atomwaffenprogramm: Hier sind die Verhältnisse etwas komplexer als dass sie in einem kurzen Abschnitt umfassend dargestellt werden können. Aber: Der Iran hat ein Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie und befolgt weitgehend die Bestimmungen des Atomwaffensperrvertrags und der Int. Atomenergie-Agentur, im Gegensatz zu Israel, Pakistan oder Indien. Und: 2007 konstatierten sämtliche US-Geheimdienste in einem gemeinsamen Bericht, der Iran habe sein Atomwaffenprogramm 2003 aufgegeben. Von einer Bedrohung Israels durch den Iran kann also keine Rede sein, zumal Israel mit den USA im Rücken militärisch drückend überlegen ist. Trotzdem wird dem Iran seit 2008 offen und unverhohlen mit Krieg gedroht.
- Angebliche Wahlmanipulationen: Sogar seine Gegner und US-Wahlforscher prognostizierten einen überlegenen Wahlsieg Ahmadinedschads. Trotzdem gelang es mit einem Trick, seinen Sieg als Wahlbetrug darzustellen. Über Twitter und per SMS verbreiteten iranische Oppositionsgruppen kurz nach Schliessung der Wahllokale eine offiziell klingende Meldung, der Wächterrat habe dem Oppositionellen Moussavi zum Sieg gratuliert. Als drei Stunden später der Sieg Ahmadineschads mit über 60 Prozent der Stimmen offiziell bekannt gegeben wurde, war der Vorwurf des Wahlbetrugs sofort auf dem Tisch. Und er wurde mit Argumenten begründet, die von den westlichen Medien unreflektiert übernommen wurden. Ein Beispiel unter vielen: Ein Wahlbetrug sei offensichtlich, weil an einzelnen Orten mehr Stimmen abgegeben wurden als Stimmberechtigte registriert seien. Verschwiegen wurde, dass nach iranischem Recht bei Präsidentschaftswahlen irgendwo im Land gewählt werden kann. Auch Moussavi gewann schliesslich in einigen Städten mit über 100 Prozent Wahlbeteiligung.
Was der schmale Band überzeugend belegt: Hinter den meisten Vorwürfen an den Iran stehen haltlose Lügen, verkürzte Darstellungen oder «Nachrichten», die von westlichen Geheimdiensten oder ihren Ablegern im Iran – es läuft ein klandestines Destabilisierungsprogramm für 400 Mio. Dollar jährlich – fabriziert oder verbreitet werden. Anstatt diese Propaganda-Realität auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, verbreiten sie die westlichen Medien und funktionieren damit gewissermassen als Waffe. Das Diktum «Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst» stimmt also nicht, wie Jürgen Elsässer, der Herausgeber des Buches treffend feststellt. Vielmehr muss die Wahrheit zuerst tot gemacht werden, um Krieg führen zu können.
Die Lektüre demonstriert, dass sich die Flut von Lügen, Halbwahrheiten und Verdrehungen nicht durch einzelne Ganz-Wahrheiten eindämmen lässt, sondern nur durch ein möglichst vollständiges Hintergrundbild, mit dem die täglichen News-Bytes fast automatisch den richtigen Platz finden. Und für ein solches Hntergrundbild muss man ein paar Stunden Lektüre, im Minimum gegen hundert Seiten, investieren. So viel sollte ein Stück Wahrheit allemal wert sein.
Christoph Pfluger
Jürgen Elsässer (Hrsg.): Iran – Fakten gegen westliche Propaganda. Kai Homilius Verlag, 2009. COMPACT Band 14. 104 S. Euro 7.50.
Mit Beiträgen von Jürgen Elsässer (über die US-Kriegspolitik von 1951 bis heute, über den unaufgeklärten Neda-Mord, über Bush und Obama) Thierry Meysssan vom französischen Réseau Voltaire (über die «Twitter-Revolution»), Virginia Tilley («Die Erfindung eines neuen Hitler»), Wilhelm Langthaler («Rafsandschani und andere Profiteure»). Besonders aufschlussreich ist der Beitrag der Gruppe Arbeiterfotografie zu den gefälschten Ahmadinedschad-Zitaten und von Shayan R. Arkian (Argumente gegen den Vorwurf der Fälschung der Präsidentschaftswahlen)Iran,









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JE ist zu gratulieren für dieses Buch. Es ist, so weit ich weiß, das einzige, das die Dinge, die über den Iran zusammen gelogen werden, richtig stellt.
Jeder einzelne Ostermarschierer sollte es gelesen haben, jeder einzelne der heutigen sog. Antifaschisten, um wieder auf vernünftige Positionen zu kommen.
Eines muss man an der Schweizer Rezension jedoch korrigieren:
“Der Iran ist … seit Jahrtausenden fast ununterbrochen souverän.”
Das stimmt nicht. Im Gegenteil: Der Iran wurde in seiner inzwischen 7000jährigen Geschichte wegen seiner wichtigen Handelswege (z. B. in Richtung Indien) und seiner Bodenschätze sowie wegen seiner wichtigen strategischen Lage immer wieder Opfer von Invasionen und Besetzungen.
Den Sowjetunion-Fans sei gesagt, dass im August 1941 die Sowjetunion zusammen mit Großbritannien den Iran besetzten, weil die damalige Regierung unter Reza Shah gute Beziehungen zu Deutschland unterhielt.
So etwas tut eigentlich kein marxistisch-leninistischer Staat, liebe kommunistische Nostalgiker.
Der Iran wurde immer wieder vom Ausland, besonders von den großen britischen Gesellschaften ausgeplündert, wobei man sich die Korruptheit der iranischen/persischen Monarchen zunutze machte. Nadir al-Din Shah verhökerte sogar die Takakíndustrie an die Engländer, wodurch das Nationalgefühl der Iraner, Liebhaber des Tabaks, zutiefst verletzt wurde. Julius de Reuter erhielt vom persischen Monarchen jede Menge Konzessionen – fast über das gesamte Vermögen des Landes im 19. Jahrhundert. Die anglo-iranische Ölgesellschaft plünderte die Ölvorräte des Irans, bis Mossadegh 1951 diesen Konzern, heute BP genannt, verstaatlichte, was dann zwei Jahre später den Putsch gegen ihn zur Folge hatte, der vom Enkel Theodor Roosevelts, Kermit Roosevelt, im Auftrag der CIA und in enger Abstimmung mit den Briten organisiert wurde und im zweiten Anlauf erfolgreich war. Präsident Eisenhower hatte nur unwillig seine dafür Zustimmung gegeben.
Dies brachte Mohammed Reza Shah, den Sohn Reza Shahs, der 1941 nach der Besetzung des Irans freiwillig abgedankt hatte, an die Macht, der nichts anderes war als eine US-Marionette und 1979 von den Iranern davongejagt wurde. Zwischendurch war man ihn schon mal losgewesen, unter Mossadegh.
Gerade weil der Iran so wenig souverän war und immer mit ausländischen Interessen und Besetzungen zu tun hatte, erwachte der Nationalstolz der Iraner und verband sich mit dem Gerechtigkeitssinn des schiitischen Glaubens zu einem tödlichen Mix für die arroganten ausländischen Mächte und Blutsauger -in erster Linie die Briten und Amerikaner.
Diese Entwicklung wird sich nie wieder rückgängig machen lassen. Dessen könnt ihr, die Westmächte, die sich heute massiv in die inneren Angelegenheiten des Iran einmischen, gewiss sein.
Es gibt ein gutes Buch über den Putsch gegen Mossadegh, das heißt:
“All The Shah’s Men”, von Stephen Kinzer über den Putsch der Amerikaner gegen den Iran 1953. Sehr lesenswert, wenn auch der Autor kein Freund der Islamischen Revolution ist und die iranische Führung mit dem Terrorismus in Verbindung bringt, aber er ist ein entschiedener Gegner einer Einmischung und ein ebenso entschiedener Gegner von Putschen und Kriegen gegen den Iran.
Über dem Einband steht:
“The Folly to Attack Iran” – Die Dummheit, den Iran anzugreifen.
Den heutigen Kriegstreibern ins Stammbuch geschrieben.
Es wäre wirklich eine Dummheit oder Narretei, nicht nur ein Verbrechen, die den Urhebern den letzten Einfluss im Nahen und Mittleren Osten nehmen würde, wenn sie sich denn dazu entschlössen.