Alien-Geld: Vom Kapitalismus zum Kannibalismus

Der Todesstern und die alte Ausbeuterordnung. Von Jürgen Elsässer


((Da mein Alien-Editorial aus COMPACT 10/2012 so gut angekommen ist, hier ein kleiner Bonus-Track, entnommen aus meinem – vergriffenen – Buch „Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg“ (2007).))

Viele orthodoxe Marxisten haben von Aliens noch nie etwas gehört und beschreiben die gegenwärtige Situation als „die Wiederkehr des ordinären Kapitalismus“ – so etwa Winfried Wolf, einer der besten Ökonomen in der real existierenden deutschen Linken. Nach seinen Worten erleben wir „die Renaissance eines zunehmend ungezügelten Kapitalismus, wie es ihn zuletzt in der Zeit zwischen den Weltkriegen gab“. Das hebt sich erfreulich klar von der Gesundbeterei der Globalisierung ab, wie er unter linken Yuppies en vogue ist (Vgl. S. xy). Doch Wolf wird den epochalen Veränderungen nicht gerecht, wenn er sie als bloßes Deja Vu beschreibt.

Buchautor Christoph Spehr („Die Aliens sind unter uns“) dagegen weist auf eine grundlegenden Einschnitt hin, der etwa vor dreißig Jahren stattfand: die Ankunft des Todessterns. Mit seiner Hilfe zwangen die Aliens die ordinären Kapitalisten unter ihr Kommando, gegen deren Spiegelbilder Wolf noch immer anreitet. Das traditionelle Kapital hatte nämlich zu Beginn der siebziger Jahre echte Probleme:  Die Menschen – nicht nur in den Metropolen, sondern auch in den aufstrebenden Schwellenländern – hatten sich an den zunehmenden Wohlstand gewöhnt. Man arbeitete immer weniger und konnte sich immer mehr leisten. Zwar wurde das ganze, gemäß den Lehren von John Maynard Keynes, über zunehmende Verschuldung finanziert, aber das war nur für Buchhalter ein Problem. Alle anderen dachten logisch: Sollen doch Staat und Banken die Schulden abschreiben (oder auf dem Papier einfach immer neue Nullen dazumalen, was das selbe ist)  – offenbar fehlt das Geld niemandem. Und als die Kapitalisten über die Inflation zu jammern begannen, zuckten die Proleten die Achseln, da ihre Löhne zu jener Zeit mindestens genauso flott wuchsen wie die Preise. Selbst das Credo der SPD lautete damals: Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Da mußten die Aliens einschreiten. Sie brachten eine neue Waffe von fürchterlicher Zerstörungskraft in Anschlag.

„Man brauchte einen Todesstern, der Ökonomien mit seinem Energiestrahl auslöschen konnte und die anderen dadurch gefügig machen. Es mußte eine Raumstation außerhalb der von Menschen erreichbaren Territorien sein. Dieser Todesstern sollten die multinationalen Konzerne und die globalen Finanzmärkte sein. Eigentlich hätte man ‚antinationale Konzerne‘ sagen müssen, denn ihre Hauptaufgabe würde die Zerschlagung der Autorität nationaler Ökonomien sein. Letztere hatten sich aus alienistischer Sicht nicht bewährt, weil sie zu weich gegenüber den Bedürfnissen der Menschen und der Einflußnahme sozialer Bewegungen waren. Multinationale Konzerne hatte es auch bisher schon gegeben, aber ihre Funktion war anders; bislang waren sie nur der verlängerte Arm der großen Industrienationen, nicht hinreichend selbständig ihnen gegenüber, und mitunter konkurrierten sie sogar miteinander und ließen sich gegeneinander ausspielen. Das Death Star Project sollte anders laufen. Auch die Industrienationen des Nordens sollten die multinationalen Konzerne und die globalen Finanzmärkte nicht mehr kontrollieren können, der Todesstern mußte so unabhängig sein, daß er überall zuschlagen und alle disziplinieren konnte. (…) Damit der Todesstern funktionierte, mußte man ihn erst langsam aufladen. Die Aliens schleppten also in den folgenden Jahren soviel Anteil am gesellschaftlichen Reichtum wie möglich in den Todesstern, während sie nationale Kapazitäten zur Selbstversorgung sorgfältig aushöhlten, die ökonomischen Kreisläufe von Fremdkapital abhängig und die Währungssysteme verwundbar machten. Das dauerte etwa bis Mitte der achtziger Jahre. Dann begann der Todesstern zu schießen. Der Schuß bestand darin, daß man keine Rückverteilung aus dem globalen gesellschaftlichen Reichtum mehr bekam. Man bekam einfach kein Geld mehr – keine Kredite, kein Kapital, keine Investitionen. Wenn der Todesstern schoß, sprang auch das eigene, nationale Kapital auf und lief davon. Man hatte ja dafür gesorgt, daß es das konnte.“4

Das Alien-Geld

Viel spricht dafür, daß mit der Ankunft des Todessterns das letzte Stündchen des Kapitalismus (aber nicht des Imperialismus, wie wir unten sehen werden) geschlagen hat. „Die Personalunion von Industriekapital und Bankkapital zum Finanzkapital, wie sie Hilferding (Lenins Zeitgenosse, Anm. J.E.) beschrieben hat, wird abgelöst durch die Personalunion von nicht mehr industriell engagiertem Bankkapital und Investmentfonds zu einem Finanzkapital anderer Ordnung und Qualität,“ schreibt der Ökonomiekritiker Robert Kurz und spricht vom „Auto-Kannibalismus“ des kapitalistischen Systems. Der finanzielle Überbau, der früher die Industrie kreditierte und dadurch ihre Ausdehnung garantierte, wird befallen von monetärem Krebs,  den Wucherungen des Geldsystems.

Der monetäre Krebs erscheint als monetäres Wachstum. Die Aliens verfügen über unbegrenzte finanzielle Ressourcen, weil sie die „Befreiung des Geldkapitals von den lästigen Fesseln realer Warenproduktion“ ins Werk gesetzt haben, wie Kurz richtig feststellt.5 Der point of no return bei der Entstofflichung des Geldkapitals war die Auflösung seiner Bindung an das Gold. Solange der US-Dollar als Weltgeld an das Gold fixiert war (und die anderen wichtigen Währungen an den Dollar), funktionierte der Kapitalismus noch so, wie er sollte. Nach der Theorie von Adam Smith ist „Arbeit das ursprüngliche Geld, womit alle Waren gekauft werden.“ Karl Marx formulierte in den „Grundrissen“, an Smith anknüpfend: „Das Geld ist die Arbeitszeit als allgemeine Ware.“ Das nicht-oxydierende Edelmetall war ideal, um das Geld auf die Arbeitszeit zu beziehen: Da es keine chemischen Verbindungen eingeht und zwar selten, dann aber relativ oft oberirdisch vorkommt, waren „für seine erste Auffindung nur rough labour, weder Wissenschaft noch entwickelte Produktionsinstrumente erforderlich“ (Marx). Die Menge des weltweit geförderten Goldes entsprach ziemlich genau der aufgewendeten „rough labour“ – daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Hätte man den Wert der Währungen nicht an Gold, sondern beispielsweise an Stahl gekoppelt, wäre das anders gewesen: Durch moderne Technik läßt sich seit hundert Jahren die Stahlproduktion beständig steigern, während die aufgewendete Arbeitszeit sinkt.

Die Aliens zerstörten die Bindung des Geldes an die Arbeitszeit: 1971 verkündigte US-Präsident Richard Nixon das Ende der Goldumtauschpflicht für den Dollar, 1976 postulierte der IWF das Ende jeder monetären Rolle für das Edelmetall. Seither expandiert die Geldmenge schrankenlos: Seit 2001 etwa soll die Federal Reserve mehr Dollars in den Umlauf gebracht haben als in der gesamten US-Währungsgeschichte zuvor. Im Herbst 2005 wurde überdies in den USA dekretiert, daß das Geldmengenwachstum nicht mehr statistisch erfaßt wird. Es soll offensichtlich niemand merken, was da eigentlich vor sich geht. Nämlich das: Die Heuschrecken haben die ökonomische Grundlage des Kapitalismus zersetzt. Diese Grundlage war für Marx das Wertgesetz, die Wertermittlung qua Arbeitszeit. Die Werte drücken sich auf dem Markt in Geldform aus. Das können sie aber nicht mehr, seit das Geld selbst keinem Wertmaßstab mehr unterworfen ist.

Kann man noch von Kapitalismus sprechen, wenn das Wertgesetz nicht mehr gilt? Befinden wir uns also nicht in einem neuen („neoliberalen“) Stadium des Kapitalismus, sondern bereits im Übergang zu einer Ausbeuterordnung neuen Typs, die man hilfsweise als Alienismus bezeichnen könnte? Oder soll man besser von der Transformation des Kapitalismus in den Kannibalismus sprechen? (Ende Buchauszug Elsässer, Angriff der Heuschrecken)

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19 Kommentare zu „Alien-Geld: Vom Kapitalismus zum Kannibalismus

  1. Harald: Die wichtigsten Teile sind auch in „Nationalstaat und Globalisierung“, das gibt es noch…

  2. Nach der Theorie von Adam Smith ist “Arbeit das ursprüngliche Geld, womit alle Waren gekauft werden.” Karl Marx formulierte in den “Grundrissen”, an Smith anknüpfend: “Das Geld ist die Arbeitszeit als allgemeine Ware.”

    Deshalb ist die Lösung des Problems auch so einfach: Man muß das Geld direkt an die Arbeitszeit anbinden und gut iss.

    Die Probleme entstehen nämlich erst dadurch, daß (auch) das Geld als Debit- und Fiat-Money denaturiert wird, also gar keines mehr ist, weil es selbst die mittelbare Anbindung an die Arbeitszeit verloren hat.

  3. Nachtrag: Das aktuelle monetaristische System (Friedman hat den Nobelpreis dafür bekommen!) funktioniert nur deshalb noch, weil es den Banken im Auftrag der Schatten gelingt, die arbeitenden Menschen der Geldillusion zu unterwerfen.

    Es ist schlichte Täuschung – reiner Betrug.

  4. Wenn einem das Töchterchen was zum kommentieren schickt….
    (Ich werde sie wieder auf J.Elsässer verweisen)

    Daraus Auszüge, die durchaus hierher, nein, nicht durchaus, DIE GEHÖREN HIER HER und passen zum Thema:

    „Für ein Verständnis der gegenwärtigen politischen Situation reichen die Fragen und Antworten, die auf der ökonomischen Achse entscheidend sind, jedoch nicht aus. Mit der Ausweitung des Kapitalismus auf die ehemals als „privat“ bezeichnete Welt des Familien-, Sexual- und Gefühlslebens, die durch neue Biotechnologien noch beschleunigt wird, bildet sich ein neues Feld sozialer Kämpfe heraus, ….“

    „Einige der bemerkenswertesten und öffentlichkeitswirksamsten politischen Kämpfe des letzten Jahrzehnts finden sich auf dieser zweiten Achse – ob es nun um die Abtreibung, die gleichgeschlechtliche Ehe, die künstliche Fortpflanzung und überzählige Embryonen geht oder um noch viel zentralere Konflikte wie jene um die männliche Herrschaft oder die Gültigkeit der Zuschreibung von Geschlechteridentitäten. Diese Situation führt uns in folgende Paradoxie: Wechselt man von der ökonomischen auf die biopolitische Achse, so kehren sich die Unterscheidungsmerkmale zwischen rechts und links einfach um. …“

    „Diese Umkehrung der Positionen zwischen der Rechten und der Linken beim Übergang von der ökonomischen auf die biopolitische Achse ist sicherlich eine der Ursachen für die Schwächung der Kritik am Kapitalismus. Damit hindert sie jedoch auch die Wiederherstellung eines Feldes entschlossener sozialer Kämpfe, deren Ziel eine Neubestimmung der Formen der Produktion und der Konzeptionen der Produktivität, eine weniger ungerechte Verteilung des Zugangs zu elementaren sozialen Gütern und eine Verringerung der gegenwärtigen ökonomischen und sozialen Prekarität sein müsste. Wie sollte sich heute eine kohärente Kritik des Kapitalismus und insbesondere der neuen Formen der Ungleichheit und der Prekarität denken lassen, die mit Bezug auf die Logik des Projekts gerechtfertigt werden, wenn man nicht wahrnimmt, wie eng die kapitalistische Umstrukturierung der Arbeitswelt mit einem neuen Verständnis des Gefühls- und Sexuallebens zusammenhängt, das ebenfalls der Kultur des Projekts verpflichtet ist?“

    http://www.polar-zeitschrift.de/position_kommentare.php?id=110

  5. me. sagt: September 28, 2012 um 21:48
    Diese Situation führt uns in folgende Paradoxie: Wechselt man von der ökonomischen auf die biopolitische Achse, so kehren sich die Unterscheidungsmerkmale zwischen rechts und links einfach um. …”

    Hört, hört… Und was folgt daraus? Einheit und Eintracht (nicht die Frankfurter) wird zur Notwendigkeit, wenn wir die „Schöne neue Welt“ noch verhindern wollen.

  6. Übrigens: Die schöne neue Welt, die Huxley beschreibt, ist die Welt einer Wohlstandsgesellschaft. Wir aber steuern konkret im Jahre 30 nach Kohl auf eine Elendsgesellschaft zu.

    Wir geben Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf, ohne (!) uns dafür wenigstens materiellen Wohlstand einzuhandeln, für die geistige Verelendung.

    Das ist nicht so der tolle Deal, oder?

  7. Kleines Zitat: … es ist ganz einerlei, ob einer seinen Somarausch in London oder Berlin mit einer in Dahlem oder Bloomsbury aufgenormten Beta erlebt. Die Wonnen, die den braven Weltstaatsbürger Päppler in der Dom-Diele erwarten, werden vermutlich denen, die Kollege Fester im Westminster AbbeyCabaret mit seiner Lenina genießt, zum Verwechseln ähnlich sein, und Unzufriedene, die normwidriger geistiger Überschuß keinen Gefallen an ihnen finden läßt, werden als
    gemeingefährliche Revoluzzer verbannt werden müssen, ob sie nun Sigmund oder, nach anderem berühmten Muster, Bernard heißen. Einem simplen John oder Michel aber wird hier wie dort nichts anderes übrigbleiben, als sich aufzuhängen.

  8. @ J.Bullinger 6:20. Nein, das ist nicht der tolle Deal.
    Hier, die ‚die den Rahm schon abgeschöpft haben und jetzt kontrovers über die Verteilung der verbliebenen fettarmen Milch an die Kälber des Stimmviehs diskutieren‘.

    Fett schwimmt halt immer oben:
    http://www.dradio.de/nachrichten/201209291100/2

    (Wer zwischen den Zeilen lesen will, kann die kommenden Gemeinheiten, auch und besonders unter dem Kavalleristen Steinbrück, erkennen)

  9. „gemäß den Lehren von John Maynard Keynes, über zunehmende Verschuldung finanziert“

    Nicht Keynes, der war Oligarch, er konnte nur denken wie ein Oligarch und dass war falsch.Es wurde über Produktivitätszuwächse finanziert.die Entwicklung von 1940-1970 war direkte Folge des Dirigismus von FDR,JFK,de Gaulle etc.Keynes kam später als man diese Politik des Wachstum der Realwirtschaft revidierte.
    Für das System gibt es immer nur 3 Alternativen.
    Keynes Deficit Spending,Austerität-Wirtschaftszyklus oder Reflation der Banken.Jeder kann dass Überprüfen ob Merkel,Bofinger oder Krugman.

  10. So ganz habe ich den Punkt noch nicht.
    Warum soll das Wertgesetz des Kapitalismus allein dadurch beseitigt sein, daß der Goldpreis in Dollar frei floaten darf (seit 1971)? Und daß viele Währungskurse in Dollar ebenfalls frei sind, sollte doch auch nicht wirklich etwas ändern?
    Durch max. zweimalige Multiplikation (mit Dollarkurs und Goldpreis) läßt sich der Preis aller Waren nach wie vor in Gold ausdrücken.
    Daß Preis und Wert nie dasselbe sind, steht auch schon im Kapital.

    Letztlich muß jede Produktionsweise das Arbeitsvermögen einer Gesellschaft so auf die einzelnen Aufgaben aufteilen, daß das Gesamtbedürfnis befriedigt wird und Akkumulation stattfindet.

    Das klappt doch noch.

  11. QuerMom: Das Geld (die Geldmnge) drückt ohne Goldbindung den Warenwert nicht mehr aus.

  12. „Man braucht kein Geld“
    http://www.cinema.de/film/man-braucht-kein-geld,1297890.html

    Und Gold „das Heilige der Heiligtümer“ braucht man nicht … soll alles was die Herrenmenschen berühren zu Gold werden und diese so ewig leben (Erlösung unter 6 Millionen Jahre ausgeschlossen).

    Und neulich „Drei Schacherer“ am Sonntag bei GÜNTHER JAUCH in der Sendung vom 30. September 2012 und Kurón-Modzelewski ( http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45861310.html ) gibt den Scheinheiligen und ist doch Realo Fan der „Heuschrecken“

  13. Mauer-Kunstwerk in London:

    Hier noch einmal en detail:

    Der Künstler ist bereits in Polizeigewahrsam.

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