Die arbeiterfeindliche „Matrix“ der 68er

Die postmodernen Philosophen und ein Hollywood-Film zeigen das verquere Weltbild der Neuen Linken

Auszug aus Jürgen Elsässers Buch „Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg“ (für 17.90 Euro zu bestellen über info@juergen-elsaesser.de)

Das „Patchwork der Minderheiten“

Der Siegeszug der 68er-Rebellen in der Lebenswirklichkeit wurde begleitet vom Triumph ihrer Vordenker in der Theorie. Las die Neue Linke in den ersten Jahren nach 1968 neben den marxistischen Klassikern vor allem Wilhelm Reich, Mao Tse Tung und Che Guevara, so traten zu Ende der siebziger Jahre die neuen französischen Philosophen ihren Siegeszug an: Guy Debord, Felix Guattari, Jean-Francois, Gilles Deleuze, Jacques Derrida und der bereits erwähnte Michel Foucault. Deren Geschäft war aber nicht mehr die Kritik an den linken Traditionstheorien allein, sondern ein Generalangriff auf jede Form von Rationalität, sowie oft genug auch auf Logik und Grammatik. Ihre Bücher sind deswegen weitgehend unlesbar, was aus den folgenden Zitaten schnell deutlich wird. Der Wörterquark des zum Teil selbsterfundenem Akademiker-Idioms hat indes Methode: Durch die Schwurbelsätze der inhaltsleeren Imponiersprache soll die Leserschaft eingeschüchtert und Widerspruch im Ansatz erstickt werden.

Foucault und seine Schule werden unter dem Titel „Postmoderne und Dekonstruktion“ – so der Titel eines einführenden Reclam-Traktats18 – kategorisiert. Foucault faßt zusammen. Über die Prinzipien – besser: die Prinzipienlosigkeit – seines „vagabundierenden Denkens“ schreibt er selbst: „Verweigere den alten Kategorien des Negativen (Gesetz, Grenze, Kastration, Mangel, Lücke), die das westliche Denken so lange als Form der Macht für einen Zugang zur Realität geheiligt hat, jede Gefolgschaft! Gib dem Vorzug, was positiv ist und multipel, der Differenz vor der Uniformität, den Strömen vor den Einheiten, den mobilen Anordnungen vor den Systemen! Glaube daran, daß das Produktive nicht seßhaft ist, sondern nomadisch!“

Der Hype von Differenz führte die Postmodernen konsequent zu einer Ablehnung der „uniformierten“ Bevölkerungsmehrheit. Stattdessen sollte die Gesellschaft mit einem „Patchwork der Minderheiten“ – so ein früher Bestseller von Lyotard – umgestaltet werden. „Was sich abzeichnet ist eine (noch zu definierende) Gruppe von heterogenen Räumen, ein großes patchwork aus lauter minoritären Singularitäten … entweder das ZENTRUM (Kapitalien bei Lyotard, Anm. J.E.) beibehalten …; oder diesen Raum in Minderheiten sprengen, denen dann die Aufgabe zufällt, immer wieder von neuem einen modus vivendi zu finden … Diese Bewegung der Zersplitterung betrifft nicht nur die Nationen, sondern auch die Gesellschaften; wichtige neue Gruppierungen treten auf, die in den offiziellen Registern bisher nicht geführt wurden: Frauen, Homosexuelle, Geschiedene, Prostituierte, Enteignete, Gastarbeiter …“19 Lyotards Aufreihung zeigt, daß Ablehnung des Proletariats und Feindschaft gegenüber Nation und Nationalstaat dieselbe Wurzel haben: die Orientierung auf Minderheiten sowie die Fetischisierung der Differenz und des „Nomadischen“.

Wie verbreitet der Minderheiten-Hype und die Verachtung für die arbeitenden Massen heutzutage ist, zeigt sogar die Hollywood-Trilogie »Matrix«, die ansonsten einige Verdienste als Social Fiction hat. Der Film zeigt eine Zukunft, in der die Menschen in vollautomatischen Zuchtanlagen versaftet werden. Sie merken aber nichts davon, weil in ihren Gehirnen ein Manipulations-Programm eingespeist wird, eben jene Matrix. Nur einer kleinen Minderheit gelingt die Flucht aus der Sklaverei – fast allesamt Typen wie aus dem Multikulti-Querschnitt einer autonomen Kiezdemonstration in Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Altona. Morpheus, einer ihrer Anführer, erklärt dem frisch rekrutierten Neo die Lage: »Die Matrix ist ein System, Neo. Das System ist unser Feind. Aber wenn Du drinnen bist, was siehst du, wenn du dich umguckst? Geschäftsleute, Lehrerinnen, Fliesenleger, Rechtsanwälte und Tischler. Die Seelen der Menschen, die wir retten wollen. Solange wir das nicht tun, sind diese Menschen aber immer noch ein Teil des Systems. Das macht sie zu unserem Feind.« Der Durchschnittsmensch – der »Normalo« oder »Stino« – steht in dieser Weltsicht auf der anderen Seite der Barrikade.

8 Kommentare zu „Die arbeiterfeindliche „Matrix“ der 68er

  1. Hallo Jürgen,

    dazu fällt mir folgendes ein bzw. auf, das viele der Leser von Blogs wie z.B. „Alles Schall und Rauch“ in denen die Fehler und Fehltritte des Systems und dessen Programierer, die Polit- und Finanzeliten löblicherweise angeprangert werden, ihre angebliche Aufgeklärtheit dazu benutzen das eigene Selbstwertgefühl zu steigern und auf die uninformierten „Schlafschafe“ herabzuschauen. Scheinbar ohne zu merken das die eigene Arroganz nicht dazu beiträgt irgendetwas an der Situation zu verbessern, im Gegenteil es verschlechtert sich (nur) der eigene Geisteszustand.
    Wenn ich schon nicht hilfreich sein kann, dann versuche ich wenigstens nicht zu schaden, nicht einmal mir selbst.
    Um das ein wenig zu relativieren gehe ich jetzt erstmal eine Rauchen.

    Wenn ich mich recht erinnere hat der Film auch Anleihen bei der Philosophie Jean Baudrillards, weißt du dazu mehr?
    Hab mal versucht bei Baudrillard einzusteigen, war für mich aber zu schwere Kost. Das einzige was hängen geblieben ist, im Zusammenhang mit dem Virtuellen sprach Baudrillard von um den Planeten flottierendem Kapital…

    Grüße
    michael

  2. da ist was dran. mir fällt seit längerem auf, daß alle haupthelden im kinderkino aussenseiter sind. sie fallen sofort auf und sind bei allen unten durch, weil sie unfähig sind, sich wie die anderen kinder zu benehmen. am ende werden sie zu strahlenden helden und alle lieben sie.

    herr elsässer. ich kann all ihre thesen nachvollziehen (habe kürzlich sogar die jw gekündigt, weil mir deren umwelt-, bio-, antiatom-, feminismus-, queerismus- und „“kampf“-gegenrechts“-gesülze die paar guten sachen zur aussenpolitik und geschichte nicht mehr aufwogen): aber ich kann nirgens in der beobachtbaren welt einen angriff auf die religion (von oben) sehen.
    im gegenteil: diese fünfte kolonne aller obrigkeiten (außer kommunistischer) und ausbeuter wird geschützt, bezahlt, medial gehyped usw.

    bitte begründen sie ihre meinung, daß die kirchen nunmehr im kampf der globalisten gegen alle strukturen mit an der reihe seien, näher.

    ich würde das nämlich gerne glauben. und mir wäre wohler beim gedanken an die zukunft.

  3. Ein interessanter Auszug, allemal. Doch in wie weit sind wir als arbeitendes, ständig unter Beschuss der Medien stehendes, und dauernd gestresstes „Arbeitsvieh“ nicht auch schon längst in einer realen Matrix angekommen? In wie weit wurden und werden wir in eine künstliche Realität hineinmanipuliert? Das wäre mal ein interessanter Ansatz!

  4. „Die Seelen der Menschen, die wir retten wollen. Solange wir das nicht tun, sind diese Menschen aber immer noch ein Teil des Systems. Das macht sie zu unserem Feind.« Der Durchschnittsmensch – der »Normalo« oder »Stino« – steht in dieser Weltsicht auf der anderen Seite der Barrikade.“

    passen sie aber auch mal auf, denn sie machen das gleiche herr elsässer 😉 sie teilen die welt ebenso auf nd vergessen zu oft das alle-verbindende-band: die liebe.

    das ist ihnen dann doch zu unheimlich und zu sentimental, oder 🙂

    ansonsten stimme ich dem artikel schon zu. nur wie gesagt, wir sind alle nicht gefeit die selben mechanismen in uns am laufen zu halten, nur eben anders ausgerichtet.

  5. queer mom: Wir haben doch volle Breitseiten abwechselbd gegen den Islam UND die katholische Kirche, letztere etwa in Bezug auf Mißbrauch. Das können Sie in diesem blog in der Suchfunktion leicht finden.

  6. aus faust

    versucht die menschen zu verwirren , sie zu befriedigen ist schwer ….

    – durch Intransparenz
    – durch Gleichschaltung der Medien
    – durch Ablenkung von der Realitaet
    – durch Individualisierung
    – durch Entsolidarisierung
    – etc

    Um an den Kern der Dinge zu gelangen , muss man sich fragen : Was treibt den Fluss des Geldes an ?
    Wem nutzt das ? Wem schadet es ?

  7. Zitat JE: „Der Durchschnittsmensch – der »Normalo« oder »Stino« – steht in dieser Weltsicht auf der anderen Seite der Barrikade. “ Und diese arrogante Attitüde haben viele Alt-68er und ihre Epigonen mit internationalen Finanzkapitalisten, gewisssenlosen Börsenzockern und superreichen Oligarchen gemeinsam… Das Bewegungen, welche sich nicht positiv auf die Masse des Volkes beziehen, ja gar nicht links sein können und dass deren Protagonisten somit zumindestens zu nützlichen Idioten der Herrschenden degenerieren müssen (sofern sie es nicht von Anfang an waren), ist da ja nur logisch…

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