Love Parade: „Brot und Spiele“ statt Arbeit

Spätrömische Dekadenz, Deindustrialisierung und Profitgier. Von Jürgen Elsässer

Wer hat Schuld an den mittlerweile 21 Toten der Love Parade? Der Versuch des Veranstalters, den Schwarzen Peter der Polizei zuzuschieben, ist empörend. Die Polizei und Experten der Stadtverwaltung haben  immer wieder  darauf hingewiesen, dass die Planung gefährlich sei, insbesondere mit dem Tunnelzugang als Nadelöhr. McFit-Chef Schaller habe aber lediglich geantwortet, es werde alles reibungslos ablaufen, schreibt die Süddeutsche.


Klar ist aber auch, dass der Veranstalter nur mit seiner kriminellen Planung durchkommen konnte, weil der Oberbürgermeister Einwände seiner Experten in den Skat gedrückt und höchstpersönlich für die Genehmigung gesorgt hat. Daher ist der CDU-Mann der Hauptverantwortliche, und es ist skandalös, dass er zwar in den Medien, aber nicht von der Politik zum Rücktritt aufgefordert wird. Ein Strafprozess gegen ihn müsste folgen.

Interessant ist die Frage, warum ein biederer Christdemokrat, der mit der Love Parade persönlich vermutlich null anfangen kann, sich derart fahrlässig für ein solches Spektakel einsetzt. Die Antwort ist schnell gefunden: Duisburg ist am Ende, wie überhaupt große Teile des Ruhrgebietes. Arbeitsplätze in Industrie und Bergbau – Fehlanzeige. Nun will man das frühere Kraftzentrum der Republik in einen Freizeitpark umbauen, mit Dienstleistungssektor plus Eventmanagement. Mit dem Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ sollte der Unsinn noch befördert werden. Die „Love Parade“ sollte Kundschaft und Werbeinteressenten anlocken, die Geld in die klammen Kassen spülen, das anderswo – außerhalb von Duisburg und vom Ruhrgebiet – verdient wurde. Ohne Polemik: Das ist ökonomisch gesehen ein parasitäres Konzept.

Analog ist die Entwicklung übrigens in Berlin, das unter Wowereit zur „Partyhauptstadt Europas“ wurde. Diese Deindustrialisierung bietet der Jugend null Perspektive. Es gibt keine Arbeitsplätze für sie mehr. Stattdessen werden ihnen „Brot und Spiele“ angeboten:  Titty-Tainment und Drogen. Hartz-IV dient als garantiertes Mindesteinkommen auf niedrigstem Niveau.

Westerwelles Schlagwort von der „spätrömischen Dekadenz“ war vor diesem Hintergrund nicht falsch, sondern nur verkehrt: Indem er die Schuld den Hartzern und Partysüchtigen zuwies und nicht der Ökonomie (und Kultur), die sie hervorgebracht hat. Immer mehr ähneln die westlichen Gesellschaften dem späten Rom: Aus den Kolonien und Halbkolonien werden billige Nahrungsmittel und andere Waren und Sklaven ins Mutterland gebracht, die die eigene Produktion niederkonkurrieren. Aus einer Produzentenwirtschaft (die in Klassen geschieden ist, aber den unteren Klassen Würde und Einkommen beläßt) wurde eine parasitäre Ökonomie, die vom imperialistischen Raub zehrt. Aus Produzenten, die sich von eigener Hände Arbeit ernähren konnten, wurden Sklaven und vom Staat mehr schlecht als recht alimentierter Plebs. Um den Plebs bei Laune zu halten, veranstaltet man Festivitäten bis hin zu Gladiatorenspielen mit Todesfolge. Die Menge johlt. Wer den blutigen Schwachsinn kritisiert, wird als Spaßverderber dem Volkszorn preisgegeben, da er angeblich dem Plebs das bisschen Unterhaltung nehmen will, was ihm noch geblieben ist. BILD, die Hure der Caesaren, hetzt gegen Eva Hermann …

Aus dieser Misere führt nur eine Rückkehr zur Industriegesellschaft heraus. Das Ruhrgebiet war ein Jahrhundert lang das industrielle Herz Deutschlands. In den Zechen wurden die Immigranten – zuerst Polen, später Türken – Seite an Seite mit den Einheimischen sozialisiert und dadurch integriert. Es entstand eine stolze Arbeiterschaft unterschiedlicher Herkunft, die den Kapitalisten Paroli bieten konnte. Nach getaner Arbeit wurde gut gefeiert: Die Fußballmannschaften des Kohlenpott, Klaus Lage, Grönemeyer … niemand soll sagen, dass das eine freudlose Zeit war. Aber die Menschen haben sich nicht besinnungslos zugedröhnt, denn  sie wußen: Montag früh geht es wieder auf Schicht.

Konkret fürs Ruhrgebiet heißt das: Die Kohleförderung muss wieder aufgenommen werden. Das ist wichtig für die Zukunft des gesamten Landes, denn in Zeiten der Weltwirtschaftskrise dürfen wir nicht abhängig sein von Energieimporten. Deutsche Kohle mag teurer sein als südafrikanische oder chinesische – aber an ihr klebt nicht das Blut der Kumpel, die an den dortigen Arbeitsbedingungen verrecken. Mit Kohleförderung lässt sich in Bochum, Dortmund, Duisburg wieder Vollbeschäftigung herstellen.

Um diese Wende zu erzwingen, muss zuerst das Bewußtsein der Menschen verändert werden. Die grüne Industriefeindlichkeit im allgemeinen, der Schwindel vom CO2-erzeugten Klimawandel, die Arbeitsfeindlichkeit der 68er – all das muss heraus aus den Köpfen. Die Jugendlichen, die heute mehr aus Verzweiflung denn aus Überzeugung auf dem Eskapismus-Trip sind, wird man übrigens durchaus für eine Rückkehr zur Arbeitsgesellschaft gewinnen können – wenn man ihnen nicht nach dem Mund redet, den andere mit Parolen füttern.

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42 Kommentare zu „Love Parade: „Brot und Spiele“ statt Arbeit

  1. Hmm. Kohle ist zwar immer noch besser als Atomstrom. Aber auch das kann nur eine Zwischenlösung sein. Technisch ist die Wende zu den Erneuerbaren schon heute möglich. Leider bietet das Ruhrgebiet geographisch keine besonders guten Voraussetzungen für ein deutsches „Energy Valley“, da weder besonders mit Sonne noch mit Wind gesegnet. Aber die Standortpolitik in Deutschland ist ja sowieso eine Katastrophe. Was mit Förderung erreicht werden kann, hat ja auf EU-Ebene der Fall Irland gezeigt. Das war zwar vorwiegend auf Finanzdienstleistungen und Spekulationsblasen gesetzt, aber warum sollte es nicht auch bei Industrie und Gewerbe funktionieren? Dass die Neuen Bundesländer oder das Ruhrgebiet als speziell geförderte (und meinetwegen steuerbefreite) Sonderregionen ihre zweite Chance erhalten, werden Lobbyisten aus irgendwelchen Münchener Speckgürteln oder anderswo allerdings zu verhindern wissen.

  2. Herr Elsässer,
    Sie argumentieren für eine Re-Industrialisierung und „Rückkehr zur Arbeitsgesellschaft“.
    Was nichts anderes bedeutet, als künstlich Menschen zu einer Arbeit zu bringen, welche der Kapitalismus durch die Entwicklung der Produktivkräfte bereits abgeschafft hat.
    Sie schreiben von „Arbeitsfeindlichkeit der 68er“.
    Generell ist dies keineswegs richtig, denn wir 68er waren außerordentlich fleißig, was die wissenschaftliche Arbeit betraf.
    Die kapitalistische Industriearbeit wollten wir allerdings so weit wie möglich abschaffen und lieber Maschinen als Menschen arbeiten lassen.

    Es ist nicht die Deindustrialisierung, welche der Jugend keine Perspektive bietet, sondern deren Zurichtung für den kapitalistischen Markt.

    Würde man aus ihnen in den Sozialisationsagenturen des Kapitals (Familie, Schule, Hochschule, Massenmedien) keine Lohnarbeiter machen wollen, sondern kreative Menschen, Erfinder, Philosophen, Künstler etc., so wäre der Eskapismus in Drogen etc. kein Thema mehr.

  3. Gast: Alle arbeiten wissenschaftlich und kreativ – und der Strom kommt aus der Steckdose, schon klar!

  4. @ J.E.:
    Das war nur ein Beispiel, wie schnell Förderung greifen kann. Völlig in Ordnung, wenn es im nationalen Rahmen geschieht. Eher könnte sich die EU da als Bremsklotz erweisen (wg. Wettbewerbsverzerrung etc).

  5. jürgen, bei aller zustimmung und respekt für den guten artikel, der hier wieder mal alles exzellent zusammengefaßt hat: welche kohle denn ? die braunkohle oder steinkohle ? also von braunkohle zumindest weiß man ja, daß sie wirklich nicht unbedingt umweltfreundlich ist und den boden kaputtmacht sowie viel mehr etc. aber dennoch wird erst neulich (ich glaube, seit etwa 2-3 jahren ) wieder im ruhrgebiet irgendwo ein neues geplantes braunkohlekraftwerk gebaut – bin nicht hundertprozentig sicher, wo genau – meine, bei hamm – auf jeden fall hatte ich es in den nachrichten einer seite gelesen, die ich leider auch nicht mehr aus dem kopf weiß. macht nichts. jedenfalls meine (vielleicht dumme) frage: wie soll der rückweg zur industrie denn genau aussehen ? wer und wodurch könnte die vielen industrie- und fabrikgelände nochmals für den neuanfang lukrativ machen, das müßte ja einer sein, der auch imstande ist, das alles an sich zu „reißen“ und die zuständigen (mittlerweile gehört ja auch vieles davon privaten eigentümern und trägern, die diese gegenden längst anderweitig „zweckentfremdet“ haben) zu einer abermaligen industrialisierung bewegen könnte.
    ich fände es auch sehr gut und wichtig, aber ist es denn wirklich realisierbar ?

  6. „Mit Kohleförderung lässt sich in Bochum, Dortmund, Duisburg wieder Vollbeschäftigung herstellen.“

    Die Automatisierung ist heute so weit, das man das mit relativ wenig Leuten bewerkstelligen kann. Außerdem gibt es ja auch noch die Braunkohle, die wirtschaftlicher abgebaut werden kann.

    Ein Grund, dass im Pott nichts läuft, sind völlig korrupte Kommunen. Hier scheitert die „Demokratie“ schon auf Stadtebene. Hier regieren nur Parteibonzen und Gutmenschen.

    Mit der Integration läuft es auch nicht so gut, da lebt jede Gruppe für sich.

  7. „Deutsche Kohle mag teurer sein als südafrikanische oder chinesische – aber an ihr klebt nicht das Blut der Kumpel, die an den dortigen Arbeitsbedingungen verrecken. Mit Kohleförderung lässt sich in Bochum, Dortmund, Duisburg wieder Vollbeschäftigung herstellen.“

    Absolut, aber Kohle soll ziemlich umweltschädlich sein, außerdem ist die auch irgendwann zu Ende.

    Allerdings würde ich das Ganze nicht nur auf Kohle beziehen. Wie sehen Sie das im Zusammenhang mit der Textilindustrie? Daran klebt nämlich noch sehr viel mehr Blut der vielen Textilarbeiterinnen in Bangladesh und anderen asiatischen Billiglohnländern, die u.a. für den Ausbeuterkonzern Kik arbeiten. Sie arbeiten für einen Hungerlohn, manchmal auch nur für eine Schüssel Reis am Tag, in größter Hitze, dürfen auch nur einmal am Tag zum WC, deswegen trinken sie zu wenig, so dass die Nieren in Kürze kaputt sind, und noch vieles mehr. Aber auch unsere geliebten Fußbälle werden von Kindern in Pakistan gefertigt, all das muss auch ein Ende haben. Dann wird es zwar teurer, aber fairer.

  8. Na wenn wir schon bald keinen Kohlestrom mehr brauchen was dann?
    Denke in wenigen Jahren wird diese Art der Stromgewinnung vollkommen obsolet sein, da viele Tüftler weltweit an sauberer Energiegewinnung arbeiten und vielleicht schon Durchbrüche geschafft haben, die eben noch nicht Serienreif sind.
    Gut es wurde schon soviel geschrieben von Scharlatanen die angeblich Energie aus dem Nichts generieren, aber es sind auch Erfolge von bisher unbekannten Firmen und einzelnen Tüftlern zu verzeichnen.

    dieser Erfinder wird massiv behindert:

    könnte auch eine gute Übergangslösung sein:
    http://www.raum-und-zeit.com/index.php?4a2e39463a8be|1

    Auf das Titty-tainement Pferd auzuspringen
    ist absolut zu verurteilen.
    Das hat mit Kultur nichts zu tun, sondern deutet auf einen Verfall der Sitten hin.

  9. besteht die möglichkeit mir schmerzensgeld auszuzahlen, für den fall, dass der artikel mir am ende gar überhaupt nicht gefallen mag?

  10. @Herr Elsässer

    Die Zeit ist reif für eine neue Partei. Nicht links nicht rechts sondern eine Volkspartei!!
    Haben Sie nicht Lust dazu?

  11. „Würde man aus ihnen in den Sozialisationsagenturen des Kapitals (Familie, Schule, Hochschule, Massenmedien) keine Lohnarbeiter machen wollen, sondern kreative Menschen, Erfinder, Philosophen, Künstler etc., so wäre der Eskapismus in Drogen etc. kein Thema mehr.“

    Ist doch Satire!

  12. Der Artikel hat mir nicht gefallen, weil er eine Beschäftigung der Bev. und Jugend suggeriert, die doch dann nur Arbeiter für ausbeutende Oberschichten wären. Kohle hat nur kurzfristig Perspektive, mittelfristig dann, wenn die „Kohle“ die damit verdient wird auch im allgemeinwohl investiert wird.
    Langfristig überhaupt nicht, nicht weil die Kohle endlich ist, sondern gewisse Politiker es zu verhindern wissen. Kein Politiker möchte starke und mündige Bürger. Im Gegenteil, es wird alles getan, um die Bev. dumm zu machen, mit mitteln die im Kindergarten anfangen. Kinder in der Schule werden abgerichtet auf die Wirtschaft, verkauft an den Höchstbietenden und allein gelassen mit ihren Problemen. Arbeiter für die Kohlewirtschaft brauchen wir nicht, wir brauchen Kohle für die Zukunft, die aus dem verbrecherischen Wirtschaftssystem umgeleitet werden muss.
    Geld ist genug vorhanden, es muss nur Allen zu Gute kommen, nicht nur denen, die böse sind.

  13. Endlich mal wieder ein echter Elsässer (incl. E… Kommentare), auch wenn ich als Ruhrgebietler schon ein paar kleine Einwände hätte. Aber Schwamm drüber. Wegen genau solcher Artikel schaute ich früher ab und zu mal bei der Jungen Welt vorbei. Nach Elsässers Rausschmiss konnte man dieses Blatt aber nur noch meiden.
    Heute habe ich dann doch diesen Fehler begangen, der dann auch prompt sehr starke Übelkeit (und schlimmeres) in mir hervorrief. In einem Artikel, der von Dummheit, Verlogenheit, absoluter Unkenntnis und Ignoranz nur so strotzt, wird Propaganda für merkels/westerwelles Kahlschlagpolitik gemacht. Was stört es schon Postkommunisten, daß hier mal wieder gültige Verträge gebrochen werden sollen, oder die Lebensplanung von hunderttausenden Menschen zerstört werden soll, wo man doch in nur 40 Jahren eine der innovativsten und wirtschaftlich stärksten Regionen der Welt komplett ruiniert hat und damit die Lebensplanung von Millionen Menschen zerstörte.
    Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werden die Postkommunisten Arm in Arm mit den rechten Neokons die brd GMBH auch noch vernichten, nur dieses Mal in deutlich kürzerer Zeit. Man teilt sich eben jetzt die „Arbeit“.

    wie sagt man so treffend: man kann gar nicht soviel essen ….

    http://www.jungewelt.de/2010/07-28/008.php

  14. @ JE: WEnn jetzt alle Arbeitslosen Strom produzieren würden….

    Die Kritik ist schon in gewisser Weise berechtigt. Die Produktivität wächst immer weiter und kann schlußendlich nciht mehr alle Menschen in Lohn und Brot bringen. Selbst mit Arbeitszeitverkürzung nicht. Schon heute sind nur noch weniger als 15% der Bevölkerung klassische Industrieproletarier, nur noch die Hälfte ist Lohnabhängig beschäftigt mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen in einer höhe von mindestens € 800.- kann man sicherstellen, daß selbst die Ärmsten Anteil an diesem Fortschritt haben. Mit dem Leistungsgedanken aus der Zeit der ersten industriellen Revolution können die Probleme für die Zeit nach der Vierten nicht gelöst werden. Das BGE würde darüber hinaus verhindern, daß die steigende Arbeitslosigkeit vom Großkapital zur Lohndrückerei verwendet werden kann. Das Kapital würde sich genau überlegen für welche Arbeit es soviel Lohn locker macht. Unsinnige schlecht bezahlte und menschenunwürdige Jobs wie in USA (Einkaufstüteneinpacker) oder Japan (Leute die im Supermarkt zwischen den Regalreihen stehen und zu jedem sagen „Danke, daß Sie bei uns eingekauft haben“) würden gewiß nicht entstehen. Die freigestellten könnten ohne ökonomischen Terror selbst entshceiden in welcher Form sie zur Gesellschaft beitragen wollen und hätten damit auch eine größere Mitgestalltungsmacht in der Gesellschaft. Die übrig gebliebenen Arbeitsplätze wären gut bezahlt, maximal produktiv und menschenwürdig. Große Teile der öffetnlcihen Verwaltung könnten sinnvoll eingesetzt werden, da große Bereiche einfach wegfallen, die mit den bisherigen Transferleistungen beschäftigt sind Der Export würde kaum leiden, denn Deutschlands Esportschalger sind v. a. Produkte aus dem Hochlohn-Segment. Es sit wirklich so wie F. Engels sagt: „Der Weg ins Reich der Freiheit führt über das Reich der Freizeit.“
    Modellversuche mit einem Dorf in Namibia zeigt detulich, daß ein Grundeinkommen nciht zur verlotterung und zum moralsichen oder sonstigen Niedergang führt, wie Kritiker meinten. Im Gegenteil: Die Mscnehn nutzten ihre neuen Ressourcen um aus ihrem Dorf eine blühende Gemiende zu machen. Der Alkoholismus stieg nicht an, sondern ging rapide zurück. Die wirtschfltiche, wie die kulturell und soziale Tätigkeit der Menschen hat massiv zugenommen. Das ist der Weg aus Stagnation und Lethargie, der unsere Gesellschaft lähmt. Er macht aus Untertanen wieder freie Bürger (Citoyenne).

  15. Im Grundsatz gebe ich Herrn Elsässer Recht. Doch frage ich persönlich mich immer mehr ob eine Rückkehr zu einer solchen sog. „Industriegesellschaft“ tatsächlich überhaupt noch machbar ist? Überlegen sie doch das Riesenheer von Opfern der Bildungsexperimente der letzten 35 Jahre, dazu die große Zahl von Personen die hier weder integriert sind, noch dies anstreben, dazu das ganze Politikergesocks das sich um die „großen Volksparteien“ herum gebildet hat. Die alle haben doch massig zu verlieren, die werden uns doch eher in Arbeitslager pferchen und uns zu „Unmenschen“ erklären ehe das sie mit richtigen Argumenten zu einer Kehrtwendung zu bewegen sind, oder nicht?
    Und zu dem denke ich das die sich als globale Elite ausgebende Führungsschicht des internationalen Finanzkapitals längst entschieden hat Mitteleuropa zu deindustrialisieren und das ziehen diese Gestalten wohl oder übel gerade auch knüppelhart durch….

  16. „Interessant ist die Frage, warum ein biederer Christdemokrat, der mit der Love Parade persönlich vermutlich null anfangen kann, sich derart fahrlässig für ein solches Spektakel einsetzt. “

    das ist mir eigentlich auch unverständlich.

    Ich verstehe dagegen sehr gut, dass Guttenberg vor zwei Jahren im Maßanzug unter dem Publikum eines AC/DC-Konzerts war: man muß kein „Rocker“ sein, um etwas „härteren“ Rock zu mögen (trifft zum Beispiel auch auf mich zu).

  17. Ende der 50er Jahre gab es im Bereich Stahl oder Kohle (es war glaube ich letzteres) in Deutschland bereits die ersten Arbeitslosen.

    Warum sind Dosen und Gläser in Supermärkten so billig, dass es nicht lohnt den Inhalt selber herzustellen?
    Weil der Strom für die Produzenten der Dosen und Gläser sehr billig verkauft wird. Im Gegenzug ist der Strom für Endverbraucher sehr teuer.

    Anfang des letzten Jahrhunderts gab es 60.000 – 80.000 Wasserrechte (zur Wasserkraftnutzung)in Deutschland. Heute sind es nur noch ein paar tausend.

    Viele Menschen in Deutschland würden sicher lieber hochwertigere Nahrungsmittel einkaufen, wenn sie das Geld dazu hätten, aber Dank der Dumping-Lohnpolitik von Industrie und Gewerkschaften haben sie leider nur wenig Geld und davon wird auch noch immer mehr abgezogen durch MWSt. und steigende Stromkosten.
    Hochwertigere (keine Gifte, keine Chemie, kein Kunstdünger, sauber Umwelt) Nahrungsmittel bedeuten meistens auch mehr Arbeit(splätze) bei der Herstellung.
    D.h. durch falsche Subventionierung u.a. im Bereich Energie geht immer mehr kaputt.

    Warum macht die Stadt Duisburg aus dem Güterbahnhof Gelände nicht einen großen Park, mit Gemeinschaftsgärten (á la Prinzessinnengarten in Berlin), einem Gemeinschaftszentrum und einem oder zwei Cafés für die Erholung?
    Das könnte ein Besuchermagnet werden und bietet Erholung von der Stein- und Asphaltwüste in dieser Gegend sowie frische und kühlere Luft im Sommer und sauberes Wasser wie der Central Park in New York.

  18. Ich bin in Essen geboren, (habe dort nie gelebt, Verwandtschaft mütterlicherseits stammt von dort).

    Essen/Altenessen. Sichtweite zur Zeche. Wo die war, verläuft heute eine Autobahn.
    Kohle? Geil. Vielleicht können wir dann auch das Fernsehen wieder auf schwarz/weiss umstellen. Gute Filme sind eh nicht in Farbe.
    Und da sage nochmal einer, Zeitreisen wären nicht möglich.

  19. Unser Problem ist das in der spätrömischen Dekadenz (andere sagen“Goldenes Zeialter des Augustus) geschaffene Christentum. Dinge wie: Verzeihen,“Liebe deine Feinde“,“alle bedrohten Migranten müssen aufgenommen werden“(s. Hirtenbrief der Bischhöfe) ist dieser abgewitschafteten Religion zuzuordnen, für die einige noch Steuern zahlen. Dabei sollte das Ende der Welt des alten Roms Mahnung genug sein.

  20. Wenn schon religiöse Dinge ausgerechnet hier erwähnt werden sollen: das Problem ist das protestantische (nicht das katholische) Pfaffentum als Inkubator der PC.

    Vorläufig von meiner Seite – Punkt. Ich kenne mich nämlich in theologischen Dingen ein wenig aus.

  21. @Stephan Steins Juli 29, 2010 at 11:47
    „Und da sage nochmal einer, Zeitreisen wären nicht möglich.“

    Sich als Lösungsversuch in eine Zeitmaschine in die Vergangenheit zu setzen, hatten wir schon einmal: die Volksgemeinschaft als Abstammungsgemeinschaft.
    Und ein neuer Versuch ist die nationale Betroffenheitsgemeinschaft.
    Das Phänomen hat auch einen Namen: kollektive Regression.
    Daher auch die Zunahme der Retro-Spießer.

  22. Gast: Sie freuen sich über jedes Zuckerl, das Ihnen einer gibt. Nun war es Stephan Steins, der Gute.

  23. @ Gast

    kollektive Regression

    Klasse Begriff. Ist aber für sich wertfrei und bedarf eines Kontext.
    Wenn Sie sehen, Sie stehen am Abgrund, machen Sie dann nicht einen Schritt zurück?
    Oder ist in dieser Situation weitergehen unter allen Umständen progressiv?

    Komplexer: Wollen Sie Gen-Food, weil sich in diesem der Stand wissenschaftlicher Forschung wieder findet?
    Oder doch lieber traditionelle, biologisch reine Lebensmittel?
    Aber diese dann bitte über Produktions- und Kühlketten neuester Generation ausliefern.

    Kollektive Desorientierung ist auch so ein Phänomen moderner Zeiten.
    Fragen über Fragen . . .

  24. @Stephan Steins Juli 29, 2010 at 18:43
    „Klasse Begriff. Ist aber für sich wertfrei und bedarf eines Kontext.

    In der Psychologie handelt es sich um einen Fachbegriff, nämlich ein Rückfall auf eine in der Entwicklung bereits überwundene Entwicklungsstufe, also wenn z. B. ein Erwachsener in kindliches Verhalten zurückfällt.
    Im gleichen Sinne wird es in der Kulturanthroplogie gebraucht. Wenn z. B. eine Gesellschaft in bereits überwundene soziokulturelle Stufen zurückfällt (z.B. Rassismus, Patriarchat, Führerkult).

    „Wenn Sie sehen, Sie stehen am Abgrund, machen Sie dann nicht einen Schritt zurück?
    Oder ist in dieser Situation weitergehen unter allen Umständen progressiv?“

    Das ist lediglich eine Kursänderung, keine Rückfall in eine überwundene psychosoziale Entwicklungsstufe.

    <„Komplexer: Wollen Sie Gen-Food, weil sich in diesem der Stand wissenschaftlicher Forschung wieder findet?“

    Klingt wie Werbung aus einem Bio-Laden. Gezüchtete Pflanzen sind doch auch genetisch verändert. Auf keinen Fall will ich im kapitalistischen Profitinteresse gentechnisch veränderte Lebensmittel von irgendwelchen Verbrecherunternehmen.

    Manche technische Entwicklungen sind Sackgassen oder Fehlentwicklungen. Wenn man von denen „zurücktritt“, ist das keine Regression. Früher gab z. B. es in den Schuhgeschäften Röntgengeräte. Da konnte man sehen, ob z. B. Kinderschuhe passen. Man wusste zu wenig über die Gefährlichkeit der Röntgengeräte. Als man diese Art von Durchleuchtungsgeräten verbot, war das keine „Regression“. Die Entwicklung der Röntgentechnik ging weiter.

    Konkret zum Gegenstand: die nationale Gemeinschaft.
    Für die sozialistische Bewegung war es ja eine Grundfrage gewesen, nämlich internationale oder nationale Ausrichtung. Bei Marx und Engels steht im „Kommunistischen Manifest“: Die Arbeiter haben kein Vaterland. Doch die rechte Sozialdemokratie bewilligte 1914 die Kriegskredite und trat in eine Burgfriedenspolitik ein, weil sie sich als nationale Partei sah und „volksgemeinschaftlich“ dachte und handelte. Statt Frieden zu erhalten, unterstützte einen imperialistischen Krieg zwischen den Nationen.

    Gemessen an der Entwicklung der internationalen sozialistischen Bewegung war die nationale Orientierung eine Regression.
    Oder sehen Sie dies anders?

  25. Gast: Sie sind ja ein richtiges sozialistisches Schätzchen, eine Zierde Ihrer Zunft. Da Sie den Internationalismus so hochhalten: Kennen Sie eigentliche die „irische Wende“ von Marx in dieser Frage? Na, das ist jetzt wirklich ein kleiner Test. Also, googeln Sie fleißig, und dann kommen Sie wieder.

  26. @ Gast

    In Ihrer Definition wird der Begriff der Regression als degenerativ interpretiert („nämlich ein Rückfall“), die Psychologie kennt allerdings auch die bewusste Regression als Therapie – bewusst einen Schritt zurück machen.
    Psychologie ist nicht mein Fachgebiet, allerdings bin ich Ihnen um so dankbarer, dass Sie die Frage von Arbeiter und Vaterland aus dem Kommunistischen Manifest aufwerfen, gibt mir dies doch Gelegenheit, mit einem hartnäckigen Missverständnis in der marxistischen Rezeption aufzuräumen.

    „Arbeiter“, „Arbeiterklasse“ und „Proletariat“ werden im Manifest der Kommunistischen Partei als Begriffe der politischen Ökonomie definiert.
    So heisst es dort u.a.:
    „Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei grosse feindliche Lager, in zwei grosse, einander direkt gegenüberstehende Klassen:
    Bourgeoisie und Proletariat.“

    Was heisst das? Dies bedeutet, dass das Subjekt Arbeiter als Begriff ein objektives ökonomisches Verhältnis beschreibt (nämlich jenes der Stellung zu den Produktionsmitteln).

    Der Begriff sagt rein gar nichts über den arbeitenden Menschen als kulturellem Subjekt aus.
    Es ist sehr wichtig diesen Unterschied zu verstehen, sonst erschliessen sich die Grundlagen des Marxismus nicht.
    „Arbeiter“ heisst nicht „Mensch“, nicht „Staatsbürger“, nicht „Kulturbürger“ etc. p.p.
    Der Satz: „Die Arbeiter haben kein Vaterland.“ heisst übersetzt:
    Das objektive Verhältnis zu den Produktionsmitteln ist nicht an eine Nation gebunden.

    Nehmen Sie nochmal das Kommunistische Manifest zur Hand und lesen nach dem Satz einfach weiter:

    „Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen.
    Die Arbeiter haben kein Vaterland. >>

    Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.

    Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse.
    Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung.
    In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben.
    Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“

  27. Mir bleibt beim Lesen des Artikels mal wieder ein wenig die Spucke weg..*kopfschüttel*..die Süddeutsche schreibt….was alle anderen Zeitungen auch schreiben…um „Himmels Willen“..Papier ist geduldig und Papier schwindelt..Jürgen.

    „“Die Polizei und Experten der Stadtverwaltung haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Planung gefährlich sei, insbesondere mit dem Tunnelzugang als Nadelöhr. McFit-Chef Schaller habe aber lediglich geantwortet, es werde alles reibungslos ablaufen, schreibt die Süddeutsche.““

    Schön! Und? Fazit? Wo bleibt hier dein berühmter Scharfsinn?

    „“Klar ist aber auch, dass der Veranstalter nur mit seiner kriminellen Planung durchkommen konnte, weil der Oberbürgermeister Einwände seiner Experten in den Skat gedrückt und höchstpersönlich für die Genehmigung gesorgt hat. Daher ist der CDU-Mann der Hauptverantwortliche, und es ist skandalös, dass er zwar in den Medien, aber nicht von der Politik zum Rücktritt aufgefordert wird. Ein Strafprozess gegen ihn müsste folgen.““

    „“Wer den blutigen Schwachsinn kritisiert, wird als Spaßverderber dem Volkszorn preisgegeben, da er angeblich dem Plebs das bisschen Unterhaltung nehmen will, was ihm noch geblieben ist.““

    Die ersten beiden Absätze verursachen auch wieder mehr sachliche Fragen als Antworten. Zum letzten Absatz:“Ein klares Nein“

    Nun etwas zum Entspannen..““WACKEN LIVE““…mit geiler Stimmung und vielen ..sehr vielen tollen Leuten! Als Empfehlung zu verstehen 😉

  28. stephan steins: sie nehmen das thema gar nicht ernst,wenn sie nur solche reakzionen wie den satz mit der zeitreise als antwort auf die ansätze dieses artikels parat haben. aber es ist schade, daß ein – immerhin herausgeber der roten fahne – sich permanent vor den fragen der zeit verschließt und nur eine haltung einnimmt, die im grunde der liberalisierten und „sanften“ lesart der heutigen linken entspricht. ist es denn kein wichtiger gedanke, eine zumindest teilweise rückkehr zur industrie- anstatt einer falsch und viel zu scnell und unkontrolliert zugelassenen informations- und technologiegesellschaft zu fordern ? wir hören von ihnen nur dass sie es vornherein nicht wahrhaben wollen – sie befassen sich ja nicht mal damit. jedoch NUR theorie bringt´s ja auch nich´.

  29. @ Gast

    Was ich noch vergessen hatte:

    Zitat: „Gemessen an der Entwicklung der internationalen sozialistischen Bewegung war die nationale Orientierung eine Regression.“

    Den Begriff „Regression“ finde ich in diesem Zusammenhang wenig hilfreich.
    Zum einen: Selbstverständlich war diese Orientierung falsch.

    Ich würde den Vorgang aber anders beschreiben bzw. charakterisieren wollen.
    Sie sagen, es war eine „nationale Orientierung“. Ich schliesse mich eher der Interpretation Karl Liebknechts an, der auf den kapitalistischen bzw. imperialistischen Charakter dieses Krieges verwies und gerade das Argument der „Verteidigung des Vaterlandes“ somit in Frage stellte:

    Karl Liebknechts Ablehnung der Kriegskredite vom 02. Dezember 1914:

    Meine Abstimmung zur heutigen Vorlage begründe ich wie folgt:
    Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt.
    Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedelungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital.
    Es handelt sich vom Gesichtspunkt des Wettrüstens um einen von der deutschen und österreichischen Kriegspartei gemeinsam im Dunkel des Halbabsolutismus und der Geheimdiplomatie hervorgerufenen Präventivkrieg.
    Es handelt sich um ein bonapartistisches Unternehmen zur Demoralisierung und Zertrümmerung der anschwellenden Arbeiterbewegung.
    Das haben die verflossenen Monate trotz einer rücksichtslosen Verwirrungsregie mit steigender Deutlichkeit gelehrt.

    Die deutsche Parole „Gegen den Zarismus“ diente – ähnlich der jetzigen englischen und französischen Parole „Gegen den Militarismus“ – dem Zweck, die edelsten Instinkte, die revolutionären Überlieferungen und Hoffnungen des Volkes für den Völkerhass zu mobilisieren.
    Deutschland, der Mitschuldige des Zarismus, das Muster politischer Rückständigkeit bis zum heutigen Tage, hat keinen Beruf zum Völkerbefreier.
    Die Befreiung des russischen wie des deutschen Volkes muss deren eigenes Werk sein.

    Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. Sein geschichtlicher Charakter und bisheriger Verlauf verbieten, einer kapitalistischen Regierung zu vertrauen, dass der Zweck, für den sie die Kräfte fordert, die Verteidigung des Vaterlandes ist.

    Ein schleuniger, für keinen Teil demütigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen, ist zu fordern; alle Bemühungen dafür sind zu begrüssen.
    Nur die gleichzeitige dauernde Stärkung der auf einen solchen Frieden gerichteten Strömungen in allen kriegführenden Staaten kann dem blutigen Gemetzel vor der völligen Erschöpfung aller beteiligten Völker Einhalt gebieten.
    Nur ein auf dem Boden der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse und der Freiheit aller Völker erwachsener Friede kann ein gesicherter sein.
    So gilt es für das Proletariat aller Länder, auch heute im Kriege gemeinsame sozialistische Arbeit für den Frieden zu leisten.

    Die Notstandskredite bewillige ich in der verlangten Höhe, die mir bei weitem nicht genügt. Nicht minder stimme ich allem zu, was das harte Los unserer Brüder im Felde, der Verwundeten und Kranken, denen mein unbegrenztes Mitleid gehört, irgend finden kann; auch hier geht mir keine Forderung weit genug.

    Unter Protest jedoch gegen den Krieg, seine Verantwortlichen und Regisseure, gegen die kapitalistische Politik, die ihn heraufbeschwor, gegen die kapitalistischen Ziele, die er verfolgt, gegen die Annexionspläne, gegen den Bruch der belgischen und luxemburgischen Neutralität, gegen die Militärdiktatur, gegen die soziale und politische Pflichtvergessenheit, deren sich die Regierung und die herrschenden Klassen auch heute noch schuldig machen, lehne ich die geforderten Kriegskredite ab.

  30. @Stephan Steins

    Aus meiner Sicht ist die Marxsche Theorie eine materialistische Reproduktionstheorie, d. h. eine Analyse der tatsächlichen Verhältnisse, wie die Menschen ihren Stoffwechsel mit der Natur organisieren.
    Hier zeigt die historische Entwicklung, dass dieser immer mehr als Weltarbeitsprozess verläuft und eben nicht als „Nationalökonomie“.
    Produktiver Arbeiter zu sein bedeutet daher, Teil des „Gesamtarbeitsprozesses“ zu sein, der bereits zu Marx Zeiten längst die nationalstaatlichen Grenzen überschritten hatte.
    Wenn man heute die im Alltag benutzten Produkte anschaut, so wird deutlich, dass sie aus aller Welt stammen. Sei es die Tasse Kaffee, das T-Shirt, der Computer, Benzin oder Erdgas. Usf.
    Wenn wir die Zeit vor dem WK I. betrachten, so wird deutlich, dass bereits damals die Ökonomie globalisiert war.
    Hinsichtlich des WK I ist zutreffend, was Liebknecht schreibt:
    „Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedelungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital.“
    Im damaligen Stadium der Weltentwicklung war der Nationalstaat ein Instrument der Durchsetzung kapitalistischen Interessen im Sinne der Konkurrenz national organisierter Kapitalfraktionen, nach dem WK II hat sich im Kontext der westlichen-kapitalistischen Länder so etwas wie transnationale Kapitalistenklasse herausgebildet, welche auch entsprechend politisch und militärisch supranational organisiert ist, während auf Seiten der arbeitenden Bevölkerungen entsprechende internationale Gegenstrukturen fehlen.

    Der Traum einer „proletarischen Weltrevolution“ – wie ihn der internationale Arbeiter-Sozialismus vor dem WK I. noch träumte – ist an der Realität der tatsächlichen Weltprozesse nach dem WK I. gescheitert. Alle nachfolgenden Versuche der Revitalisierung einer internationalen Arbeiterbewegung, wie insbesondere von Trotzkisten initiiert, sind gescheitert. Was nicht bedeutet, dass es nach wie vor politische Sektierer gibt, die – unter Ignorieren der tatsächlichen Weltentwicklung -noch von einer „proletarischen Weltrevolution“ träumen.

    Fakt ist, dass die kapitalistische Ökonomie zunehmend das „industrielle Proletariat“ überflüssig macht, indem es die Industriearbeiter durch Maschinen ersetzt. Mit der Tendenz, dass langfristig die körperliche Industriearbeit immer weniger und zu einem marginalen Phänomen. Vgl.
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/916564_0_9223_-interview-langfristig-wird-die-arbeit-verschwinden-.html

    Insofern sind alle Vorstellungen von einer Re-Industrialisierung mit dem Ziel, der körperlichen Industriearbeit neue Arbeitsplätze zu verschaffen, nichts weiter als ein Anachronismus bzw. Ausdruck regressiven Wunschdenkens.

    Es ist die Realität des materiellen Reproduktionsprozesses, welche die traditionellen nationalstaatlichen Strukturen auflöst und an deren Stelle neue transnationale und globale Strukturen entwickelt.

    Die Realität des materiellen Reproduktionsprozesses macht immer mehr Menschen zu „Überflüssigen“, welche unter kapitalistischen Bedingungen als „neues Prekariat“ verarmen und verelenden.
    Zugleich wächst der Wunsch nach einer Rückkehr zu den Verhältnissen vergangener Zeiten, als noch ein nationaler Sozialstaat für Schutz und materielle Sicherheit der arbeitenden Bevölkerung sorgte.

    Der „neue Kapitalismus“ tritt in „linkem“ Gewande auf:
    Er ist internationalistisch, multikulturell und in mancher Beziehung extrem gleichmacherisch (vgl. z. B. Gendermainstreaming). Zugleich fördert er auf der Ebene der Einkommen und Vermögen extreme Ungleichheit. Und er schafft für das „neue Prekariat“ diverse Formen von „Brot und Spiele“.
    Wobei das „Brot“ aka Sozialstaat für die Einzelnen immer weniger wird und die „Spiele“ mit immer geringerem finanziellen Aufwand organisiert werden.
    Welche Konsequenzen diese massenhaften „Billig-Spiele“ haben (können), sieht man am Beispiel der Love Parade in Duisburg.
    So findet die „Spaßgesellschaft“ auch zunehmend vor allem im virtuellen Bereich statt, sei es im Fernsehen oder im Internet.
    Prekarisierten Menschen wird mit dem Internet die Möglichkeit zu einem „virtuellen Second Life“ gegeben, in dem sie ihre Phantasien von einem besseren Leben hineinprojizieren können.
    Natürlich gehört dazu auch der zunehmende Konsum von psychoaktiven Substanzen. Ohne die kommt die neoliberale Gesellschaft nicht mehr aus.
    Zu „Brot und Spiele“ kommen in der modernen Welt – wenn Religion oder Mystik nicht ausreichen -noch die Drogen hinzu.

  31. Gast: Ich stelle fest, dass Sie alle Worthülsen des akademischen Post-Marxismus perfekt hin- und herschieben können. Sauber! Und: Meine konkrete Frage an Sie (Marx und seine „irische Wende“) haben sie elegant umschifft. Weil der Herr Salonmarxist von Marx keine Ahnung hat – oder weil ihm dessen Antworten nicht ins Konzept passen? Jedenfalls: Bevor Sie weiter auf diesem blog herumschwallen, will ich, dass Sie meine Frage beantworten. Kapito? Das ist eine – wie der Akademiker sicher versteht – conditio sine qua non.

  32. Ohne konsensuiertes Sittengerüst verliert eine Gesellschaft ihren Mittelpunkt. Sie treibt nach Links, wo das Chaos herrscht.

    Man muß sich vergegenwärtigen, daß die Bundesregierung entmachtet ist, eine Marionetten-Truppe, abhängig von den Drahtziehern in Brüssel.
    Jeder EU-Abgeordnete trifft in Brüssel auf 25 Lobbyisten. 82% aller Richtlinien und Gesetze gehören dem EU-Recht an. Wo soll da Platz fürs Grundgesetz bleiben?

    Solange Deutschland seine Souveränität nicht wiedererlangt, wird sich gar nichts machen lassen. Hinterfragen muß man vor allem das Zustandekommen des Schengener Abkommens, des Maastricht Vertrags, der Osterweiterung, der Einführung des Euros, des EU-Reformvertrags. Dann kommt man nämlich dahinter, hier herrscht die Eigenmächtigkeit, die sich am Ende selber überflüssig gemacht hat.

    Ansonsten hat Jürgen Elsässer natürlich Recht, was die Hure der Mächtigen angeht und die Industriefeindlichkeit.

    Nur ein souveräner Staat läßt sich umwelttechnisch vernünftig lenken. Wer alles auf einmal will, erreicht nämlich gar nichts.

  33. @ individualist

    Zitat: „sie nehmen das thema gar nicht ernst,wenn sie nur solche reakzionen wie den satz mit der zeitreise als antwort auf die ansätze dieses artikels parat haben.“

    Ich wollte nur kurz auf leicht sarkastische Weise beschreiben, was mir bei der Forderung nach Wiederaufnahme der Kohleproduktion spontan einfiel, als jemand, der sich noch an diese Zeit und die Umgebung einer Zeche erinnern kann (die Ruß bedeckten Viertel, eine Umgebung in „schwarz/weiss“ etc.)
    Ich nehme das durchaus ernst, habe aber nicht immer die Zeit, auf jedes Thema ausführlicher einzugehen, zumal in einem solchen Forum der Platz beschränkt ist und längere Beiträge vielleicht auch den einen oder anderen langweilen oder davon abschrecken, dann noch selbst etwas zu schreiben.
    Würde Jürgen Elsässer in der Roten Fahne Grundsatzartikel schreiben, würde ich oder auch andere sicher mit entsprechend ausführlichen Artikeln antworten, aber im Rahmen eines solchen Forums ist das doch etwas schwierig.

  34. @ Gast

    Zitat: „Wenn wir die Zeit vor dem WK I. betrachten, so wird deutlich, dass bereits damals die Ökonomie globalisiert war.“

    Mit dem Unterschied, dass damals nationale Kapitalien (im Gegensatz zum globalen Finanzkapitalismus) in globaler Konkurrenz um Ressourcen und Märkte standen und daher um militärische Vormachtstellung rungen.

    Zitat: „Im damaligen Stadium der Weltentwicklung war der Nationalstaat ein Instrument der Durchsetzung kapitalistischen Interessen im Sinne der Konkurrenz national organisierter Kapitalfraktionen, nach dem WK II hat sich im Kontext der westlichen-kapitalistischen Länder so etwas wie transnationale Kapitalistenklasse herausgebildet, welche auch entsprechend politisch und militärisch supranational organisiert ist, während auf Seiten der arbeitenden Bevölkerungen entsprechende internationale Gegenstrukturen fehlen.“

    Ah, ich sehe, Sie lesen Steins. Sehr schön.
    http://Die-Rote-Fahne.eu/headline18207.html

    Zitat: „Der Traum einer „proletarischen Weltrevolution“ – wie ihn der internationale Arbeiter-Sozialismus vor dem WK I. noch träumte – ist an der Realität der tatsächlichen Weltprozesse nach dem WK I. gescheitert.“

    Die Herausforderung ist ja, wie Sie richtig beschreiben, eine internationale. Also muss die Antwort darauf auch eine internationale oder zumindest international koordinierte sein. Wie und in welcher Form das aussehen kann, gilt es noch heraus zu arbeiten.
    Die erwähnte klassische „proletarische Weltrevolution“ war vielleicht seinerzeit schematisch noch zu flach gedacht.
    Wir müssen ja sehen, dass der heutige „globalisierte“ Kapitalismus, das Imperium, gerade deswegen eine solche Gefahr bildet, weil er sich zunehmend der Kontrolle klassischer, republikanischer demokratischer Strukturen entzieht.
    Die Frage ist also, wie man überhaupt wieder Kontrolle über die globalisierte materielle Basis erlangen kann?

    – Entweder durch (Re-)Nationalisierung – was aber bspw. die Frage aufwirft (insbesondere für Deutschland): Wenn sich eine Republik aus dem Imperium und dem imperialen Warenverkehr ausklingt, wo sollen dann bspw. die Rohstoffe und Ressourcen her kommen, um die nationale Produktion auf heutigem Niveau aufrecht zu erhalten?

    – Oder durch eine Internationale, welche die imperialen Strukturen sozialisiert.

    Zitat: „Fakt ist, dass die kapitalistische Ökonomie zunehmend das „industrielle Proletariat“ überflüssig macht, indem es die Industriearbeiter durch Maschinen ersetzt. Mit der Tendenz, dass langfristig die körperliche Industriearbeit immer weniger und zu einem marginalen Phänomen.“

    Da haben Sie sicher Recht. Allerdings nimmt diese Entwicklung aus westlicher Sicht derzeit in einigen Bereichen auch erst einmal eine andere Stufe auf diesem Weg: Auslagerung von industrieller Produktion in Drittländer, in denen die menschliche Arbeitskraft noch billiger ist, als Roboter. Insofern gibt es vorläufig noch ein Industrieproletariat, dieses „wohnt lediglich woanders“.

    Zitat: „Insofern sind alle Vorstellungen von einer Re-Industrialisierung mit dem Ziel, der körperlichen Industriearbeit neue Arbeitsplätze zu verschaffen, nichts weiter als ein Anachronismus bzw. Ausdruck regressiven Wunschdenkens.“

    Der gesamte gesellschaftliche Diskurs zum Thema, insbesondere der linke, krankt an einem wesentlichen Manko:
    Niemand stellt sich die Frage, jedenfalls nicht konsequent, wo eigentlich die physikalischen Grenzen des Bevölkerungswachstums und damit der gesellschaftlichen Produktion und Konsums liegen?
    Wir führen Verteilungsdiskussionen um soziale Gerechtigkeit, ohne dabei zu berücksichtigen, dass das westliche Produktionsniveau allein auf der Grundlage der Ausbeutung globaler Ressourcen fusst.
    Die relevante Frage müsste sein: Wieviele Menschen können eigentlich in Deutschland (oder einem bestimmten Rechtsraum) leben, unter der Prämisse sozialer Gerechtigkeit und eines angemessenen Lebensstandards sowohl für die lokale Bevölkerung, als auch für die Menschen und Nationen, mit denen ein wirtschaftlicher Austausch stattfindet? Und was ist eigentlich ein sozial gerechter und angemessener Lebensstandard?

    Das ist m.E. DIE Schlüsselfrage, aus welcher sich Fragen wie jener nach Rationalisierung und Automatisierung ableitet.
    Als das Kommunistische Manifest erschien, lebten auf dem Planeten rund 1 Milliarde Menschen. Ich bin mir sicher, würden Marx und Engels ihr Manifest heute schreiben, würden sie diesem Aspekt in der Definition der Produktivkräfte mehr Gewicht beimessen.

    Zitat: „Es ist die Realität des materiellen Reproduktionsprozesses, welche die traditionellen nationalstaatlichen Strukturen auflöst und an deren Stelle neue transnationale und globale Strukturen entwickelt.“

    Ja und nein. Wie ich in meinem erwähnten Artikel unter Bezugnahme auf das Kommunistische Manifest beschrieb, „Was im Kommunistischen Manifest (entsprechend dem damaligen Entwicklungsstand) die Bildung regionaler „Provinzen“ zu regionalen „Nationen“ analysierte und beschrieb, lässt sich heute quasi 1:1 auf die imperiale Ebene übersetzen – man tausche lediglich das Wort „Provinzen“ durch „Nationalstaaten“ aus, denke also einfach eine Ebene höher.“
    Die im Kommunistischen Manifest beschriebene „politische Zentralisation“ folgt, wie Sie richtig anmerken, der objektiven Entwicklung.
    Eine andere Frage ist jedoch, welchem demokratischen oder antidemokratischen Impetus diese neuen globalen Strukturen folgen? Ich erwähne dies nur deshalb, um die zwei Ebenen, die objektive ökonomische Entwicklung und die subjektive politische Struktur gleichermaßen im Auge zu behalten.

    Zitat: „ Zugleich wächst der Wunsch nach einer Rückkehr zu den Verhältnissen vergangener Zeiten, als noch ein nationaler Sozialstaat für Schutz und materielle Sicherheit der arbeitenden Bevölkerung sorgte.“

    Der republikanische Nationalstaat bildet derzeit objektiv als historisches Subjekt eine potenzielle Abwehrlinie gegen das Imperium und aus dieser Situation erwächst eine progressive Funktion.
    Das Imperium als politisches Subjekt ist nicht gleichzusetzen mit der objektiven ökonomischen Entwicklung. Wie letztere global gesellschaftlich, philosophisch und politisch, rezipiert wird, ist die zweite Ebene von welcher ich sprach.
    Den Nationalstaat gegen das Imperium in Stellung zu bringen, bedeutet ja in erster Linie, republikanische Prinzipien zu verteidigen, nicht den Nationalstaat als solchen.

  35. Vielleicht könnte es mit einer Entflechtung klappen, mit einer Rückkehr vom Nationalstaat in kleinere Einheiten, die sich auf ihre Stärken konzentrieren. Die Problematik der Verödung ganzer Landstriche kann man auch in Frankreich gut beobachten, schon länger. Der Zentralstaat, der die Provinzen aussaugt und in ihrer Eigenart ignoriert, wird mehr und mehr zum Problem. Kleinere autonome Einheiten erlauben außerdem basisdemokratische Verhältnisse und eine Vermarkrtung vor Ort zu örtlichen Regeln. Die Bürokratie würde weniger werden, die den Provinzen in aller Regel zentralisitsch auferlegt wird. Auch ich bin daher für die Rückkehr zur Kohleförderung, schon aus Gründen der Unabhängigkeit. Prinzipiell erlaubt außerdem die Ausbeutung anderer in fernen Ländern und die billige Einfuhr von Ramsch, der hier oft kaum Qaulitätskontrollen unterliegt, daß man in der BRD die Löhne drücken kann; allein das ist ein Grund, möglichst viel selbst zu produzieren. Auch sollte man die Gaben, die wir haben, dankend nutzen. Es nicht zu tun ist ein gottloses Verschleudern, das sich rächen wird. Leider geht es vielen Mächtigen nur noch um ihren eigenen Profit, den erwirtschaften sie nicht mit rechtschaffener Arbeit sondern mit Korruption. Es wird immer wieder vergessen, daß Deutschland unter der Ländern mit Korruption einen Spitzenplatz belegt, gerade so als seinen wir ein Drittweltland, was wir bald auch sein werden, wenn es so weitergeht. Es gibt keine wirksamen Antikorruptionsgesetze in der BRD.

  36. Einen Guten Abend/Tag allerseits,

    mitunter lese ich gewinnbringend, andererseits mit Kopfschütteln, den Blog von Jürgen Elsässer oder schaue in die Internetpräsenz der „Volksinitiative“ rein.

    Seine Kritik „Brot und Spiele statt Arbeit“, die Herr Elsässer hier zum Besten gibt, fiel in die zweite Kategorie: Das Kopfschütteln. Ich sehe in diesem nämlich einige kategoriale Missverständnisse, die zu fatalen Gegenkonzeptionen zum gegenwärtigen neoliberalen Kapitalismus führen.

    Zusammengefasst verteidigt Elsässer die Arbeitsgesellschaft des Fordismus der (1950er bis Ende der 1970er) gegen die derzeitige – und noch in Entwicklung begriffene – „Dienstleitungsgesellschaft“ des Postfordismus.

    Während die fordistische Massenproduktion das Hauptaugenmerk auf den industriellen Produktivismus legte, tendiert der Postfordismus zu einem de-industriellen Konsumismus. Soweit die Ausgangslage.

    Nur, welche Schlussfolgerung wird daraus gezogen? Anstatt die unreflektierte und „bewusstlose“ Produktionsweise des Kapitalismus in die Kritik zu nehmen, um daraus das Verhalten der nach immer mehr Konsum und Selbstvergessenheit strebenden bürgerlichen Individuen zu erklären (deren Bedürfnisse in vielen Fällen ja erst durch den blinden Verwertungszusammenhang des Kapitals konstruiert werden), die alles mitmachen was „In“ ist, weil es schließlich alle anderen tun, packt Herr Elsässer hier eine kulturkonservative bis reaktionäre Kritik aus, die in etwa lautet:

    „Eben weil die Leute nicht mehr richtig malochen und zu viel Zeit für Kinkerlitzchen und Spielchen haben, bauen sie unproduktive Scheiße. Staat und Arbeit müssen sie hier an die Kandare nehmen und wieder zur Vernunft bringen.“

    Daraus folgend heißt es dann Vorstellungen einer Auflösung der Arbeitsgesellschaft gegenüber: „Alle arbeiten wissenschaftlich und kreativ – und der Strom kommt aus der Steckdose, schon klar!“

    Nun, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich stehe keinesfalls auf der Seite jener, die Kommunismus als Konsumismus verstehen, wo alles automatisch abläuft und einem die Brathähnchen in den Mund fliegen. Ich betrachte eine solche Sichtweise stattdessen – Arbeitskult und Fabrikromantik gleichermaßen – als bloße Kehrseite der selben Medaille des kapitalistischen Verwertungszusammenhangs.

    Auf der einen Seite wird gemeint, die „einfachen Menschen“ wären sowieso nicht in der Lage ihr Leben jenseits der Lohnarbeit produktiv und sinnvoll einzurichten, stattdessen tragen sie zum Kulturverfall herbei (den ich keinesfalls leugnen möchte), womit wir die kulturkonservative bis faschistoide Kritik hätten.

    Die andere Fraktion meint, es ginge um die volle Entfaltung der Konsumwünsche, die Totalautomatisierung und eine komplette Abschaffung jeglicher menschlicher Tätigkeit in der Ökonomie. Womit wir bei der linksliberalen, ultra-hedonistischen Caféhaus-Linken angekommen wären.

    In beiden Fällen bleibt der Mensch „verdinglicht“; ein Zahnrädchen in der scheinbar automatisch ablaufenden Maschine der gesellschaftlichen Reproduktion.

    Robert Kurz bringt das in seinem Artikel „Robotik und Arbeit – Die Alpträume des verdinglichten Bewusstseins“ gut auf den Punkt. Darin heißt es:

    „Das kapitalistische Bewusstsein fetischisiert die tote Robotik; heute in Gestalt von Mobiltelefon und Internet bis in die persönliche Befindlichkeit hinein.

    Einerseits sieht ein „ökologischer Reduktionismus“ keinen anderen Ausweg, als das technologische Aggregat insgesamt niederzureißen und zu einer „natürlichen“, „arbeitsintensiven“ Subsistenzwirtschaft zurückzukehren. (Meine Anmerkung: Tendenz Elsässer)

    Andererseits möchte ein „technologischer Reduktionismus“ die Krise umgekehrt dadurch bewältigen, dass die Software-Produktion zum „Modell“ einer alternativen Vollautomatisierung von allem und jedem wird, in der die ökonomischen Zwänge sich technologisch auflösen und wie im Touristenparadies der Zahlungsfähigen („all inclusive“) Milch und Honig fließen.

    Die beiden Momente und Konsequenzen der Verbrennungskultur werden jeweils einseitig gegeneinander ausgespielt.

    Wenn aber die mikroelektronische Produktivkraft an die Grenzen des Kapitalismus führt, kann die industrielle Produktion weder pauschal verworfen noch linear zur autonomen „technischen Befreiung“ gesteigert werden.

    Beide Optionen blenden trotz teilweise gegenteiliger Beteuerungen, die aber vage und inkonsequent bleiben, das Grundprinzip der „abstrakten Arbeit“ und des verselbständigten „abstrakten Reichtums“ aus.

    Es geht darum, diese herrschende Form der universellen Vergesellschaftung zu überwinden, statt sie auf vermeintlich überschaubare ökologische oder technologische „Modelle“ zurückdrehen zu wollen. Erst jenseits von „abstrakter Arbeit“ und Geld (bzw. ihren utopischen Surrogaten) kann eine gesamtgesellschaftliche „Vereinigung freier Individuen“ über den Einsatz der gemeinsamen Ressourcen inhaltsbestimmt entscheiden.“

    Das bedeutet, es kann gar nicht um eine Rückkehr zur fordistischen Arbeitsgesellschaft geben, dafür ist die technologische Entwicklung bereits zu weit, hat die Großindustrie abgewirtschaftet. Dem ist keine Träne nachzuweinen, denn schließlich war es seit jeher Traum der Menschheit so wenig wie möglich zu arbeiten, bei gleichzeitigem gesellschaftlichen Reichtum. Dies ist heute möglich.

    Andererseits wird es selbstverständlich weiterhin Tätigkeiten und Aufgabenbereiche geben, die nicht vollends automatisiert werden können, oder die Gesellschaft diese gar nicht automatisieren will (Öffentliche Dienstleistungen, Pflegeeinrichtungen, soziale und kulturelle Arbeitsbereiche, Produktionsmanagement etc.).

    Wiederum andere gehören aus menschlicher Vernunft heraus einfach stillgelegt (große Teile der Rüstungsindustrie, Genfraß, fossile und atomare Energieversorgung bei Alternative modularer Energieversorgung usw.).

    Ist die menschliche Tätigkeit und die Reproduktion des Gemeinwesens aus dem Verwertungszusammenhang des Kapitals entnommen, braucht es gar keine 40 Stunden Woche mehr, weil Arbeitslosigkeit an sich wegfällt, eben weil die Arbeit auf alle gleichermaßen aufgeteilt ist, womit wiederum die Arbeitszeit drastisch sinken würde.

    Der gesellschaftliche Reichtum (der bei einer bewussten und reflektierten Produktion unter Einbezug ökologischer Kriterien neu zu definieren wäre) bliebe dabei vielfach auf dem gleichen Niveau.

    Wir sehen, es geht also gar nicht um den Gegensatz „produktive“ Arbeitsgesellschaft vs. „unproduktive“ Konsumgesellschaft, sondern um eine radikale Kritik am verschleierten Zusammenhang kapitalistischer „Sachzwänge“, die eben jene Verhältnisse und jenen Schlag Mensch hervorbringen wie wir sie täglich sehen.

    Erst eine solche Kritik eröffnet eine emanzipatorische Perspektive die sowohl mit der „Spaßgesellschaft“ wie einem reaktionären Arbeitskult rechtskonservativer Schluß macht.

  37. Zwar waren Westerwelles Worte an einen Teil der Sozialhilfeempfänger nicht ganz falsch – man wünschte sie sich jedoch von anderen und vor allem ihm, er solle sich an die eigene Nase fassen. Vom Schirmherr der Gay Games braucht man keine Belehrung bezüglich der Decadence. Zur Paradetodesmarsch hier noch eine 40 Jahre alte Ergänzung, aus der Zeit, da die Arbeiterbewegung noch wusste, dass sich Arbeiter anders bewegen –
    http://www.campodecriptana.de/blog/2010/08/05/1696.html

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