Elsässer spricht in Moskau

Werbung für die Eurasische Option. Interessanter Artikel auch in der FAZ

Anfang Dezember findet eine große geopolitische Konferenz in Moskau mit internationaler Beteiligung statt. Ich werde dort als Referent die Ideen der Volksinitiative vertreten, insbesondere die Forderung nach einer Abkehr Deutschlands von der transatlantischen Orientierung und die Eröffnung einer eurasischen Perspektive, etwa in Form einer Achse Paris-Berlin-Moskau.

Dass dies keine abseitigen Votschläge sind, sondern manche auch im Establishment in diese Richtung denken, zeigt ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 24.10.2009. Leider nicht im Internet verfügbar. Hier einige Auszüge.

Ach, Eurasien!
Europa irrt, wenn es sich für einen Teil der westlichen Welt hält. Für seine Ostbindung sorgt der Energiefluss aus Russland
VON DIMITRIOS KISOUDIS

 

Europa wird erst zum Westen werden, wenn es sich zum Osten bekehrt hat. Seine Krise ist einer falschen Selbstwahrnehmung geschuldet. Europa glaubt, es sei ein Teil der westlichen Welt. Indem es sich zur transatlantischen Partnerschaft bekennt, sieht Europa über den Atlantik hinweg und schneidet sich von der eurasischen Landmasse ab. Um diese Fehlorientierung zu berichtigen, muss sich Europa nur einmal in den Partner hineinversetzen.

Seit die Welt durch die Monroe-Doktrin 1823 längs in zwei Halbkugeln geteilt wurde, gehört Europa zur östlichen Hemisphäre. Mit der Truman-Doktrin bordete die westliche Hemisphäre seit 1947 zwar über auf den europäischen Teil der „freien Welt“. Doch war Europa auch im Kalten Krieg vom echten, amerikanischen Westen säuberlich getrennt. Durch den Nato-Doppelbeschluss wurde Europa 1979 als Gefechtsfeld eines begrenzten Atomkriegs vorbereitet. Die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Westeuropa erlaubte es den Vereinigten Staaten, die Kriegsgefahr in die östliche Hemisphäre zu bannen.

Auch nach dem Kalten Krieg betrachten amerikanische Geostrategen Europa keineswegs als westlichen Kontinent. Zbigniew Brzezinski, die graue Eminenz unter den Beratern Obamas, sieht in Europa einen amerikanischen „Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent“, in Eurasien aber „das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird“. Seit Entdeckung der Geopolitik um die Wende zum 20. Jahrhundert steht „Eurasien“ im Zentrum dieser Disziplin. Der britische Geograph Halford Mackinder pries das eurasische „Herzland“ als Schlüssel zur Beherrschung der Welt. Karl Haushofer, Gründer der geopolitischen Schule in Deutschland, empfahl eine von Europa bis Ostasien reichende Kontinentalpolitik.

Seither scheint am schillernden „Eurasien“ bald ein engerer Sinn auf: weder Europa noch Asien, bald ein weiterer: sowohl Europa als auch Asien. Im engeren Sinn wurde der Begriff in den zwanziger Jahren von einer Gruppe russischer Emigranten geprägt. Anders als die „weißen“ Reaktionäre bemühten sich die Eurasier um eine positive Deutung der Oktoberrevolution. Einst sei die eurasische Staatsidee als Synthese von asiatischem Staat und orthodoxer Kirche ins Leben gerufen worden. Jahrhunderte nach der Verwestlichung durch Peter den Großen hätten die Bolschewiki nun den Weg zur Erneuerung dieser Idee geebnet.

Die eurasische Bewegung war ein Exzellenzcluster, wie es sich nur im Klima der russischen Emigration anhäufen konnte. Von der orthodoxen Tradition abgesehen, waren Linguistik und Geographie tragend für die eurasische Lehre. In Eurasien habe sich ein Sprachverband gebildet, der nicht durch Herkunft charakterisiert sei, sondern durch gemeinsame Entwicklung. So die von Nikolaj Trubezkoj und Roman Jakobson errichtete linguistische Seite der Lehre. Von der geographischen Seite her wurde Eurasien als ein „Entwicklungsraum“ vorgestellt. Die flaggenartige Zonenschichtung von Wüste, Steppe, Taiga und Tundra habe slawische und turanisch-asiatische Völker zu einer symphonischen Kulturpersönlichkeit geformt.

(…)

Der Zerfall der Sowjetunion brachte die Frage nach der geopolitischen Ordnung Eurasiens dringlicher auf den Plan, als es die Oktoberrevolution vermocht hatte. Die GUS war ein Gebilde ohne ordnende Idee, ihre Mitgliedstaaten konnte sie nicht einmal wirtschaftlich integrieren. Russland musste sich in den neunziger Jahren noch auf bilaterale Beziehungen und das Sanktionsmittel verbilligter Energie beschränken, um die GUS-Staaten an sich zu binden. Mit Gründung des „Einheitlichen Wirtschaftsraums“ (EEP) 2003 schloss Russland seine Eröffnung auf dem eurasischen Schachbrett ab. Der Gegenzug aus dem Westen ließ nicht lange auf sich warten.

Die „orange Revolution“, zu den Präsidentenwahlen 2004 medienwirksam inszeniert, sollte die Ukraine vom Weg in den EEP abbringen. Um die Nato tief in den eurasischen Raum zu tragen, wurde deren Ost-Erweiterung um Georgien vorbereitet. Doch die Doppeldrohung ist abgewehrt. Die Ukraine steht gefesselt zwischen der EU, der sie nicht beitreten kann, und dem EEP, dem sie sich nicht entziehen kann. Der georgische Präsident hat den Nato-Beitritt seines Landes durch Selbstüberschätzung verspielt.

Wladimir Putin hat durch seine kluge und geduldige Politik nichts Geringeres erreicht als die Restauration der russischen Hegemonie im engeren Eurasien. Russland verdankt seine Vorherrschaft weniger militärischem Drohpotential als der glücklichen Lage zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, die den Zugriff auf Energiereserven und die Kontrolle von Rohstoffleitungen gestattet. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 meldete es sich als Ruhepunkt in einer multipolaren Weltordnung zurück.

Es wundert nicht, wenn die Lehre der Eurasier, als „Neo-Eurasismus“ neu aufgelegt, in der jungen Elite Russlands auf Anklang stößt. Schon lange tüftelt Aleksandr Dugin, Anführer der Eurasischen Bewegung, an einer Großraumordnung von Cádiz bis Wladiwostok. Seine „Grundlagen der Geopolitik“ haben es bis zum Lehrbuch für angehende Generalstabsoffiziere gebracht. Dugin entwirft seine „Pax eurasiatica“ in Anlehnung an Carl Schmitts Konzept einer europäischen Monroe-Doktrin. Der Hegemon verbittet sich Interventionen „raumfremder Mächte“ und beschränkt die Souveränität der anderen Völker im Großraum. Behielte jedes Volk sein Recht auf nationale Selbstbestimmung, könnte es nach Belieben mit raumfremden Hegemonen anbandeln, um sich der Friedensordnung zu entziehen.

(…)

Die Ostsee-Pipeline soll unter Aufsicht von Gerhard Schröder jährlich rund 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas vom russischen Wyborg durch die Ostsee nach Deutschland leiten. Unter Beteiligung von Wintershall und Eon wird sie vom russischen Konzern Gasprom getragen. Das Gegenprojekt ist nach der Oper getauft, mit der Giuseppe Verdi seine „Galeerenjahre“ als Sklave der Kulturindustrie antrat. Nabucco soll ab 2014 über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn Erdgas an einen Verteiler im österreichischen Baumgarten transportieren. Das Projekt wird von der EU unterstützt und von Schröders ehemaligem Außenminister Joseph Fischer politisch beraten.

Die ehemaligen Koalitionspartner sind nun keineswegs zu schnöden Lobbyisten geworden. Schröder widmet sich ungehindert vom Zwang zu außenpolitischen Kompromissen der Ost-Bindung, während sich Fischer ohne Rücksicht auf seinen früheren Chef um stärkere Einbindung Deutschlands in die westliche Wertegemeinschaft bemüht. Genau besehen, ist diese zweite Option nicht einmal geopolitisch. Demokratie und Aufklärung mögen Gemeinsamkeit stiften, wenn man sie als „Werte“ auffasst, Nähe und Wärme vermögen sie nicht zu erzeugen. Offen bleibt die Frage, woher die jährlich 31 Milliarden Kubikmeter werthaften Gases eigentlich kommen sollen. Alle Wege einer Antwort führen zu den Gasreserven Irans, will man das autoritäre Russland wirklich meiden.

„Europa emanzipiert sich von russischem Gas“, brachte der „Spiegel“ am 13. Juli die Absicht hinter Nabucco auf den Punkt. Emanzipation statt Orientierung, so lautet die Devise der West-Bindung. Weil sich aber Europa beim besten Willen nicht im Westen befindet und weil es auch auf der Westhalbkugel nur als westlicher Osten wahrgenommen wird, kann es sich erst nach einer Drehung um die eigene Achse wiederentdecken. Dann wird auch Deutschland merken, dass es ein Land im mittleren Westen Eurasiens ist und keine Galeere im transatlantischen Ozean.

5 Kommentare zu „Elsässer spricht in Moskau

  1. Eine interessante Thematik. Natürlich werden nun alle US Handlanger bzw. deren Zuträger umgehend rufen: Achtung! Geopolitik! Und dazu der Elsässer! Das riecht ja nach Verschwörung gegen die ach so „freie Welt“! 🙂
    Aber mal ohne Spaß, eine eurasische Perspektive halte ich für eine durchaus ernstzunehmende Alternative zu totalitärem EU-Superstaat und US-Hegemonie in Europa. Letztere wird zwar aufgrund der allgemeinen Schwäche der USA nachlassen, jedoch unterschwellig bestehen bleiben. Und mit dem EU-Vertrag von Lissabon ist der befürchtete EU-Super(bürokraten)staat de facto beschlossene Sache.
    Höchste Zeit also die alternativen Ideen weiterzuentwickeln und vorallem endlich auch einer breiteren Schicht zugänglich zu machen.
    Ich denke für viele Normalbürger klingt der Begriff „Eurasien“ oder „eurasische Perspektive“ immer noch wie Latein in den Ohren. Hier ist ganz klar Nachholbedarf!

  2. Natürlich muss es zu Beginn des zweiten Absatze statt „Elsässers Argument“ „Kisoudis‘ Argument“ heissen.

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