Jagd auf Berlusconi

Wie der Zögling der CIA zum Feind der USA wurde

Der Verbündete von gestern ist der Feind von heute – das ist die Devise des Imperiums. Beispiel Saddam – er führte mit US-Hilfe den Krieg gegen Iran. Beispiel Milosevic – er war Banker in den USA und half anfänglich beim Abbau des Tito-Sozialismus. Beispiel Bin Laden – er wurde noch kurz vor 9/11 im US-Hospital in Dubai gepflegt. Beispiel Haider – er propagierte die Zerschlagung des Sozialstaates Österreich und machte den Hass auf Muslime und andere Migranten salonfähig.

Irgendwann gerieten alle diese Herren ins Visier ihrer früheren Paten. Weil sie sich selbst geändert haben? Weil sich die Strategie des Imperiums geändert hat? Das wäre im Einzelfall zu prüfen. Jedenfalls: Alle haben diese Beziehungskrise nicht überlebt.

Ist jetzt Berlusconi dran? Der Typ korrumpiert und hurt seit Jahr und Tag. Warum jetzt die Aufhebung der Immunität, die seine Amtskollegen in anderen westlichen Staaten wie selbstverständlich genießen – selbst, wie der Mega-Kriegsverbrecher Blair, im Ruhestand? Mein Tip: It’s the economy, stupid. Berlusconi geriet auf die Abschussliste, seit er mit Putin an Southstream baut – der Riesenpipeline, die zentralasiatisches Gas nach Europa bringen soll und die das EU-Konkurrenzprojekt Nabucco zum Scheitern verurteilt.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen Artikel verweisen, den ich für kopp-exklusiv gerade geschrieben habe (www.kopp-verlag.de), der aber nur im Print verfügbar ist. Einige Auszüge:


Jürgen Elsässer

Ein Kampf um Rom

Einflussagent der Geheimloge P2 an der Spitze der Vatikanbank gestürzt

Eine vermeintlich kleine Personalentscheidung lässt das Machtgefüge südlich der Alpen erzittern: In der letzten Septemberwoche 2009 wurde der langgediente Präsident der Vatikanbank, Angelo Caloia, gestürzt. An seine Stelle tritt mit Ettore Gotti Tedeschi ein Vertrauter von Papst Benedikt. Dieser hatte im Juli in seiner Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ für mehr Transparenz in der Finanzwelt plädiert und setzt nun offenbar diese Devise im eigenen Haus entschlossen durch. Caiolas Amtszeit sollte eigentlich noch bis Ende 2010 dauern.

Der letzte Papst, der sich mit dem geheimen Finanzapparat des Vatikan angelegt hat, überlebte diesen Versuch nicht lange. Johannes Paul I. starb am 29. September 1978 nach nur 33 Tagen im Amt – keine 24 Stunden nach seiner Entscheidung, wichtige Geldmanager der Kurie zu entmachten. (…)

Brisante Dokumente

(…)

FORMAT verschweigt aber den politischen brisanten Kern des klandestinen Finanz-Netzwerkes: Es ging nicht nur um das Zusammenspiel zwischen Mafia-Bossen und geldgeilen Gottesmännern, sondern um die Macht der US-Geheimdienste im italienischen Staat, um schwarzen Kassen einer CIA-Schattenregierung.

Geheimloge P2

Der Knoten dieser Verschwörung schürzt sich Ende der 60er Jahre. Nach dem Tod des populären Papstes Johannes XXIII. sah sich der Vatikan mit einem starken Spendenrückgang konfrontiert. Im selben Zeitraum hob die italienische Republik auch die Steuerfreiheit für den Vatikan – ein Privileg aus den Zeiten Mussolinis – auf. Der neue Papst Paul VI. wollte am römischen Fiskus vorbei möglichst viel Geld ins Ausland schleusen und betraute damit zwei Personen: den US-Amerikaner Paul Casimir Marcinkus, der ab 1971 Präsident der Vatikanbank wurde, sowie den sizilianischen Banker Michele Sindona. Dieser hatte sich mit Schwarzgeldmillionen aus dem Reptilienfonds der CIA das Wohlwollen der Kurie erkauft. Sindona wiederum stand im Bunde mit Roberto Calvi, der sich einst brüstete, mit diesem sauberen Geschäftspartner zusammen die Mailänder Börse zu beherrschen. Was wichtiger ist: Calvi war auch Schatzmeister der Freimaurerloge P2. Nachdem diese im Jahr 1981 aufgeflogen war, erklärte der Militärgeheimdienst SISMI gegenüber einer parlamentarischen Untersuchungskommission die Hintergründe der Entstehung von P2: „Es war Ted Shackly, Direktor aller verdeckten Operationen der CIA im Italien der 70er Jahre, der den Chef der Freimaurerloge P2 (Lucio Gelli) Alexander Haig vorstellte. Haig und Kissinger gaben Gelli im Herbst 1969 die Ermächtigung für die Rekrutierung von 400 hohen italienischen und Nato-Offizieren in seine Loge.“ Die Mitgliederlisten des Geheimbundes umfasste Anfang der 80er Jahre 962 Namen, darunter 50 hohe Armeeoffiziere, elf Polizeipräsidenten, fünf Präfekten, zehn Bankpräsidenten, drei Minister im Amt, zwei Ex-Minister und 38 Parlamentsabgeordnete. In der Anklageschrift zu einem der verheerendsten Terrorattacken der italienischen Geschichte, dem Bombenanschlag im Hauptbahnhof von Bologna im Jahre 1980 mit 85 Toten, hieß es dazu: „Man muss sich der neuartigen und komplexen Problems bewusst werden, dass in Italien eine Geheimstruktur existiert, die zusammengesetzt ist aus Militär- und Zivilpersonen (…).“

(…)

Und Berlusconi?

Berlusconis war Mitglied der P2, sein Aufstieg zum Medienzar und späteren wie heutigen Präsidenten wurde durch diese Verbindungen finanziert. Richtet sich die Säuberung im Vatikan also auch gegen ihn, oder hat, genau umgekehrt, er selbst Papst Benedikt grünes Licht zum Ausmisten gegeben?

Fakt ist jedenfalls, dass das Verhältnis Berlusconis zu seinen Paten in den angloamerikanischen Diensten abgekühlt ist. Ausschlaggebend dafür ist Berlusconis gutes Verhältnis zu Wladimir Putin und sein Unterstützung für die große Gasprom-Pipeline vom Kaspischen Meer nach Mitteleuropa, die sogenannte Southstream-Röhre. Diese steht in direkter Konkurrenz zur Nabucco-Pipeline, mit der westliche Energiemultis Russland aus Europa hinausdrängen wollen. Seit Putin und Berlusconi Ernst mit Southstream machen, häufen sich in dem Teil der italienischen Medien, die vom britischen Pressezaren Rupert Murdoch beherrscht werden, Skandalgeschichten über die Sexabenteuer des Präsidenten.

Wie dem auch sei: Ein neuer Kampf um Rom hat begonnen. Mit weiteren Opfern ist zu rechnen.

5 Kommentare zu „Jagd auf Berlusconi

  1. „Weil sie sich selbst geändert haben? Weil sich die Strategie des Imperiums geändert hat?“

    Vielleicht sollte man Menschen generell zugestehen, dasz sie ihre Ansichten auch sehr grundlegend aendern koennen.

    Den Haider vom Anfang der 90er kann man jedenfalls nicht mehr mit dem Haider 2008 vergleichen.
    Anfang der 90er hatte die FPO in der Tat ein neoliberales Programm zur Zerstoerung des Sozialstaates kombiniert mit faschistischen Elementen.

    Doch das BZOE und den Haider des Jahres 2008 kann man daran nicht mehr messen. Er ist einerseits weniger nationalistisch, andererseits aber auch sozialer geworden, hat sich also in die richtige Richtung bewegt.

    Zum Beleg Ausschnitte aus dem aktuellen, in seinen Grundaussage noch von Haider maszgeblich gepraegten BZOE-Programm:

    „Die Globalisierung gefährdet die Freiheit des Einzelnen und den demokratischen, sozialen Rechtsstaat. Daher kämpfen wir gegen die zerstörerischen Kräfte der Globalisierung. Denn jeder Mensch ist kostbar und kein Kostenfaktor der Wirtschaft.
    Die soziale Marktwirtschaft ist unsere Antwort auf die Globalisierung. Soziale Marktwirtschaft bedeutet, dass sowohl Bürger, Staat als auch Wirtschaft ihre Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen und alle sozialen Gruppen Anteil am Wohlstand haben. In einer freisinnigen Gesellschaft darf es keine Umverteilung von unten nach oben geben. Vor allem die Wirtschaft muss sich ihrer Verantwortung für Standort und Arbeitsplätze stärker stellen. Der globale Kapitalismus in seinem ausschließlichen Profitstreben ist unverantwortlich und daher mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen.“

    „Der freie Mensch braucht Heimat. Nur wer Heimat hat, kann sich zu Hause fühlen. Wir wollen den Schutz der Heimat im Rahmen des souveränen Nationalstaates, der e t h n i s c h n e u t r a l (!) mit seiner Verfassung die demokratische Mitwirkung des Bürgers auch in der EU gewährleistet. Wir sind für eine heimatverbundene Gesellschaft, denn die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert. Wir sagen Ja zu einem Europa der Vaterländer und Nein zu Brüsseler Zentralismus und Bürokratie. Schließlich ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker Voraussetzung für ethnische, kulturelle und sprachliche Identität und Vielfalt.“

  2. @H.T

    Haider ist nicht Jesus und wird auch keiner werden. Trotzdem sind seine Grundaussagen nicht verkehrt-wenn sie im richtigen Kontext gesetzt und verstanden werden. Der erste Absatz ähnelt der „programmatischen Linken“.

    Zum zweiten Absatz

    Lässt die Souveränität überhaupt ein Selbstbestimmungsrecht zu oder ist der Souverän so souverän, daß er das Selbstbestimmungsrecht ertragen kann?

    Was sagt die Historie zu diesem Punkt?

  3. Corruptio optimi quae est pessima: Die Verderbnis des Besten ist das Schlimmste. Einst war Jesus und mahnte zur Gesetzestreue. Das störte – man wollte ihn nebst Anhänger töten: u.a. durch den Agenten Saulus von Tarsus. Dann hatte Saulus alias Paulus die Jesus-Sekte für Rom zu instrumentalisieren. Flugs wurde daraus ein Stabilisator des Militärimperiums als priveligierte Staatskirche. Schliesslich löste sich Rom in der Kirche auf wie Zucker im Kaffee. Eine Vorgeschichte. Dann mehrten Päpste Macht und Geld, mordeten, fälschten und schlossen Konkordate – die wichtigsten mit Mussolini und Hitler. Heute gehört dem Vatikan weit mehr als nur die halbe Stadt Rom. Mit unglaublichen Rechts-, Geld-, und Steuer-Privilegien saugt er wie ein Schmarotzer nicht nur Italien aus. Niemand darf ihm in die Karten schauen. Offenbar ist er mit allen Schurken vernetzt: CIA, Faschisten, P2-Loge, Freimauer, Trilateralte Kommission, Maffia. Eine hochaktuelle Geschichte. Zu lesen in: Curzio Maltese, Scheinheilige Geschäfte, Die Finanzen des Vatikans, http://www.kunstmann.de Oder mit anderen Worten: Pax Romana, Pax Katholica, Pax America.

  4. Also das ist mir suspekt: „Die soziale Marktwirtschaft ist unsere Antwort auf die Globalisierung. Soziale Marktwirtschaft bedeutet, dass sowohl Bürger, Staat als auch Wirtschaft ihre Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen und alle sozialen Gruppen Anteil am Wohlstand haben.“
    Bezugnahme und Umdefinition? Das ist wie beim neu gegründeten SDS. Es bleibt immer die Frage: sind die so naiv oder machen sie es mit Absicht? Entweder kannten die Herren nicht die Definition der sozialen Marktwirtschaft durch ihren Vater Ludwig Erhard, dann ist die Umdefinition zumindest gewagt, oder sie kennen sie nicht, und setzen das Neusprech gerade hier an.
    Wie Haider gestorben ist, steht auf einem anderen Blatt.

  5. Sehr geehrter Herr Elsässer,
    Ihre Erklärung, warum das Empire den Berlusconi stürzen will, trifft nur teilweise zu. Das Southstream-Projekt, das Bündnis mit Putin und der Kampf um die Energiequellen ist ein Element, das die Berlusconi-Leute selbst erwähnen (siehe Interview mit Aussenminister Frattini: http://rassegna.camera.it/chiosco_new/pagweb/immagineFrame.asp?comeFrom=search&currentArticle=MTVBA), aber nicht das entscheidende. Der Hauptgrund des Konfliktes liegt in Berlusconis Finanzminister Giulio Tremontis Widerstand gegen die globale Bankenrettungsaktion und seine Kampagne, um das globale Finanz-Spielkasino dicht zu machen. Diese Kampagne ist viel wichtiger, und bedrohlicher für die Interessen des Empire, als das Energie-Thema. Denn es geht darum, das System für bankrott zu erklären, und das bedeutet das Ende der Macht des Finanzsystems über Regierungen!
    Wegen seines Kampfes gegen die Banken ist Tremonti ein Volksheld in Italien geworden, und sein anti-Globalisierungs-Buch „Hoffnung und Angst“ hat große Zustimmung gewonnen, inklusiv aus der Reihen der Opposition. Es wurde vom Papst gelobt (Übrigens gilt der neue Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti-Tedeschi, als Tremonti-Verbündeter). Seine Verbindung mit dem Systemkritiker LaRouche wird von den Medien öffentlich anerkannt (link: http://archiviostorico.corriere.it/2008/ottobre/20/Bretton_Woods_LaRouche_Tremonti_ce_0_081020029.shtml ). Seine ständige Auseinandersetzung mit dem Zentralbankier Mario Draghi, der auch Chef des Financial Stability Board ist, macht den Konflikt sichtbar. Die Interessen, die Draghi vertritt, sind unter dem Namen „Britannia Boys“ bekannt. Neulich hat ein Regierungsminister, Renato Brunetta, den „Britannia Boys“ öffentlich vorgeworfen, eine Verschwörung zu führen, um die Regierung zu stürzen.
    Also, die City of London will mit Berlusconi ihre Rechnung begleichen. Wenn ein Teil der Regierung in Washington mitspielt, ist das im Interesse der Wall Street, aber nicht der USA.
    Claudio Celani
    E.I.R.,Wiesbaden

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