O’zapft is: Lafontaine und Gauweiler

Anti-Lissabon-Bündnis live: CSUler und Linke schunkelten gestern gemeinsam


Die Volksinitiative fordert es seit dem ersten Tag: ein „Bündnis von Lafontaine bis Gauweiler“ zur Rettung des Nationalstaates, seiner Sozialstandards und der Demokratie. Welche Sprengkraft es hat, wenn die zwei Pole tatsächlich zusammenkommen, konnte man gestern in München live besichtigen: Bei einer gemeinsamen Veranstaltung der beiden Populisten (beachte: populus = das Volk)  auf dem Nockherberg.

Selbst der SPIEGEL, immer hämisch gegen den roten Oskar wie den Schwarzen Peter, konnte sich der Aufbruchstimmung dieses Abends nicht entziehen.  „Lafontaine und Gauweiler haben die Lager auf dem Nockherberg kräftig durcheinandergewirbelt. Wann haben schon mal Hunderte Linke mit Hunderten Schwarzen ein paar Bier getrunken? … Welch‘ Mischung: Linke CSU, soziale FDP, rechte Linke. Großes Kino auf dem Nockherberg.“

Schaut gut aus, oder? O’zapft is! Nun heißt es: Weitermachen, Oskar & Peter! Gemeinsam am 8. September im Bundestag gegen das Lissabon-Begleitgesetz stimmen! Und am 5. September mit der Volksinitiative zusammen gegen den Lissabon-Vertrag demonstrieren (Berlin, 17 Uhr, ab S-Bahnhof Friedrichstraße).

aus: Spiegel-Online, 12.08.2009

Lafontaine-Gauweiler-Auftritt

Stelldichein der Outlaws

Von Sebastian Fischer, München

Pointen, Sprachmacht, Populismus: Bei einem skurrilen Wahlkampfauftritt auf dem Münchner Nockherberg spielen sich Linke-Chef Lafontaine und CSU-Renegat Gauweiler die Bälle zu – und wirbeln links und rechts durcheinander.

Peter Gauweiler kommt gleich zur Sache. Ganz wunderbar könne man über Dienstwagen streiten, sagt er in Anspielung auf den Ärger der SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt – aber die Lage sei so ernst, dass man sich im Wahlkampf nicht „nur mit Scheißhausthemen“ beschäftigen könne.

An diesem Abend also soll das anders sein. Ganz anders. „Herzlich Willkommen zu einer Wahlkampfdiskussion der anderen Art“, ruft CSU-Mann Gauweiler den über 600 Leuten auf dem Münchner Nockherberg zu. Die Stühle reichen nicht aus, man steht an der Seite oder sitzt auf dem Boden. Es ist dies der Saal, in dem sich jedes Frühjahr die Politiker derblecken lassen müssen. Normalerweise. An diesem lauen Augustabend aber, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, treffen sich zwei Politiker, um ihren Kollegen die Leviten zu lesen: Der linke Oskar Lafontaine und der rechte Peter Gauweiler machen Wahlkampf. Gemeinsam.

Es ist einfach skurril. Schon als die beiden begleitet von Marschmusik nach vorn laufen, schunkeln CSU- und Linke-Anhänger über Lagergrenzen hinweg mit. „Ich begrüße den mutigsten Mann des Abends, der sich in die Höhle des schwarzen Löwen gewagt hat“, ruft Gauweiler Lafontaine zu. Nur stimmt die Mehrheit im Saal prompt in „Oskar, Oskar“-Rufe ein. Und an den CSU-Tischen schauen sie sich verdutzt um. „San denn vielleicht auch noch an paar CSUler da?“, kontert Gauweiler. Jetzt jubeln auch die Schwarzen.

Darauf der CSU-Gastgeber: „Die Sache verspricht, ganz nett zu werden.“

Das wird sie. Denn es sind zwei persönlich befreundete Renegaten, zwei Selbstdarsteller, zwei Populisten, die an diesem Abend antreten zur „Kontroverse um Deutschlands Zukunft“, wie es auf den Plakaten heißt. Darauf groß die Namen Gauweiler und Lafontaine, aber klein, sehr klein ihre Parteizugehörigkeit. In der CSU-Zentrale haben sie von diesem Auftritt erst aus der Zeitung erfahren. „Na, der Gauweiler halt“, haben sie gesagt und die Sache irgendwie abgehakt. Denn den Mann haben sie eh nicht mehr unter Kontrolle.

Zum Beispiel in der Europapolitik. Da ist Gauweiler gegen den Vertrag von Lissabon vors Bundesverfassungsgericht gezogen, Seit‘ an Seit‘ mit Lafontaines Linken. Ergebnis: Bundestag und Bundesrat müssen mehr Mitspracherechte in Brüssel bekommen. So ist die Europapolitik auch das erste Thema dieses Abends in München. Der Linke und der Rechte – sie beginnen mit den Gemeinsamkeiten.

Volksentscheide zu europäischen Richtungsentscheidungen fordert Lafontaine. Da nickt Gauweiler. Am CSU-Honoratiorentisch vorne rechts tun sie sich offensichtlich noch ein bisschen schwer, dem Gottseibeiuns aus dem Saarland dafür Applaus zu spenden. Aber Plebiszite zu Europafragen, das hat ihnen nun ja jüngst CSU-Chef Horst Seehofer selbst ins Wahlprogramm diktiert. (…)

Gauweiler meint es ernst. „Warum sind heute so viele hierher gekommen?“, fragt er. „Weil man hier mal alles frei aussprechen kann.“ Tatsächlich, die Leute berauschen sich an dieser ungewöhnlichen Links-Rechts-Combo und deren Schlagabtausch auf dem Podium. Lafontaine und Gauweiler spüren das, sie genießen den Abend, ergötzen sich an eigenen Formulierungen, amüsieren sich über die Pointen des anderen. „Wenn es eine Konsequenz aus dem 20. Jahrhundert gibt“, sagt Gauweiler, „dann die, dass ein Mensch nie ganz rechts und nie ganz links sein kann.“ Auf die Mischung komme es an, „rechte und linke Denke“ dürften nicht gegenüberstehen, sondern müssten sich ergänzen.

Im Publikum sind sie ein bisschen baff. Auf beiden Seiten.

Lafontaine und Gauweiler haben die Lager auf dem Nockherberg kräftig durcheinandergewirbelt. Wann haben schon mal Hunderte Linke mit Hunderten Schwarzen ein paar Bier getrunken? Und dann war da ja noch Hildegard Hamm-Brücher. Ganz vorn, in der ersten Reihe hatte man die Münchnerin und prominente frühere FDP-Politikerin platziert. Anfang der achtziger Jahre sträubte sie sich gegen den Wechsel von der sozial-liberalen zur schwarz-gelben Koalition. Gauweiler nun begrüßt sie als „Grande Dame Bayerns“ und Lafontaine deutet gar eine Verbeugung an, als er ihr die Hand schüttelt.

Welch‘ Mischung: Linke CSU, soziale FDP, rechte Linke. Großes Kino auf dem Nockherberg. Es ist ein Stelldichein der Outlaws. Der blitzgescheite Gauweiler galt immerhin mal als große Hoffnung der CSU, als potentieller Nachfolger gar von Parteipatriarch Strauß. Und Lafontaine war zur gleichen Zeit der Lieblingsenkel von Willy Brandt, war später Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzender. Alles perdu. Jeder der beiden ist ein bisschen mehr, ein bisschen weniger letztlich auch an sich selbst gescheitert.

Ihnen bleibt der Basisjubel in der Nockherberg-Nische. Dort spielen sie ihre Sprachmächtigkeit aus. Als Populisten, die sie nun einmal sind. Vor wenigen Tagen erst war SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier zu Besuch am gleichen Ort. Es war ein ebenso lauer Sommerabend, man reichte eine Maß – und die Leute im Biergarten draußen applaudierten, als der Sozialdemokrat auftauchte. Aber was machte Steinmeier? Er setze sich zu den Genossen, den örtlichen Intellektuellen, den Journalisten. Mit dem Volk aber sprach er kein Wort, ging nicht durch die Reihen.

Gauweiler übrigens macht in seiner Einleitung zum gemeinsamen Abend mit Lafontaine noch eine launige, recht eitle Bemerkung. „Sie wissen“, sagte er, „dies ist kein Duell der Kanzlerkandidaten.“ Pause. „Das wäre aber vielleicht das G’scheiteste.“


5 Kommentare zu „O’zapft is: Lafontaine und Gauweiler

  1. Den von Elsässer zitierten Artikel hat das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel natürlich ganz unten in seiner Politk-Sparte platziert: war denen wohl zu viel positives dabei.

    Auch in der Münchner Abendzeitung gibt es einen sehr positiven Artikel dazu.

    http://www.abendzeitung.de/politik/125013

    Die Süddeutsche hat das Thema auf die Titelseite der Online-Zeitung genommen.

    Der Rest der Online-Massenmedien, FAZ, Focus, Stern, ignorieren diese beispielhafte Annäherung: überall Merkel, Steinmeier, Merkel…

    Verschohnt uns mit diesen Lobbyisten und Volksverrätern!

  2. In HR Info (Radio-Nachrichtenkanal des Hessischen Rundfunks) ist heute auch ein mehrminütiger Beitrag dazu zu hören. Online konnte ich allerdings nichts dazu finden.

  3. Na bitte ! Statt stupidem Rechts/Links Gebaren sollte man an das Wesentliche denken – an Deutschland und seine Bürger !!!

  4. Rechts und links sind nur Denkblockaden, und der gemeisame Auftritt der Herren Lafontaine und Gauweiler gibt Hoffnung, das diese erkannt werden.

    Der tatsächliche Konflikt besteht zwischen den Interessen des Finanzkapitals und den Interessen der Menschen, die Zins und Zinseszins auf aus dem Nichts geschaffenes Geld zahlen müssen, nicht nur für die Zinsdienste bei privaten Schulden, sondern auch in Form von Steuern für die Schulden des Staates, in Form von Preisen für die gekauften Produkte, bei denen die Kapitalkosten des Unternehmers immer einkalkuliert sind. Wenn Schuldner nicht mehr zahlen können und die Kredite eigentlich abgeschrieben werden müssten, zahlt der Sparer in Form von Inflation aufgrund der permanenten Ausweitung der Geldmenge durch die Zentral- und Geschäftsbanken.

    Die Billionen-Auslöse von Banken durch den Staat beweist: Gewinne werden privatisiert, Verluste werden sozialisiert.
    Das ist keine freie Marktwirtschaft, sondern finanzkapitalistische Planwirtschaft, von deren Umverteilung die oberen 10.000 profitieren.
    Die Armen bekommen ein staatliches Almosen und sollen für 1 Euro arbeiten, die Geringverdiener sehen sich gegen die Harz IV-Empfänger benachteiligt, der Mittelstand verliert zusehens an Boden und gegen den gehobenen Mittelstand wird im Sinne der Rechts-/Links-Ablenkungsdiskussion polemisiert. Die Super-Reichen bleiben dagegen von der geforderten Reichensteuer unantastbar, weil sie im Ausland gar nicht besteuert werden können. Ohne eine grundlegende Änderung des Finanz- und Währungssystems wird sich an den darauf aufbauenden Missständen im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nichts ändern lassen. Leider hat hierzulande kaum ein Politiker das Finanz- und Bankensystem und die geopolitischen Zusammenhänge wirklich verstanden. In den USA und UK, aber auch in China und Russland ist dies anders.

    Für den Noch-Industriestaat Deutschland, der im Zuge der gegenwärtig stattfindenden Finanzkrise gerade entindustrialisiert wird, gilt:
    Mit der bekannten Technologie und den damit erzielten Produktivitätszuwächsen könnten wir heute ein Leben in Wohlstand für ALLE schaffen. 20% der erwerbsfähigen Bevölkerung können die industriellen und landwirtschaftlichen Erträge für die gesamte Bevölkerung erwirtschaften.
    Es gäbe hierzulande kein demografisches Problem, die Alten könnten gut versorgt werden und die Arbeitszeit trotz abnehmender Bevölkerungszahl deutlich reduziert werden.

    Statt dessen beobachten wir eine zunehmende Veramung der Bevölkerung, die Schuldendienste für aus dem Nichts erschaffenes Geld leisten und in Billiglohnkonkurrenz zu den europäischen Nachbarn treten muss.

    Nach dem Zusammenbrechen des Weltfinanzsystems prognostiziere ich einen zunehmenden politischen Widerstand der Ent-Täuschten und eine wieder stärker protektionistische Wirtschafts- und Finanzpolitik mit Mindestlöhnen, Schutzzöllen, Kapitalverkehrskontrollen und Wiedereinführung einer von der nationalen Regierung kontrollierten Währung. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät, da die industrielle Basis bereits weggebrochen ist…

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