Elsässers Blog

17.4. Berlin | COMPACT Live: Massenmedien und ihre Lügen-Mechanik. Wie wir von den Medien manipuliert werden. Mit Ken Jebsen

Kurras und das Modell Gladio

Rechter UND linker Terrorismus mit NATO-Geheimdienstlern infiltriert


Wer meine These, dass der Ohnesorg-Mörder Kurras auch als Stasi-Mann noch von der westlichen Seite gelenkt worden sein könnte, vorschnell abtut, möge sich für einen Augenblick die Geschichte von Gladio anschauen – die Geschichte eines Spiels über Bande, zum Teil über doppelte Bande. Diese von den US-Amerikanern geführte NATO-Geheimarmee war in der Zeit des Kalten Krieges in zahlreiche Terrranschläge verstrickt bzw. hat diese angestiftet – und zwar rechte wie linke. Besonders gut dokumentiert ist das im Falle Italien (Entführung Aldo Moro!), aber es gibt auch Hinweise auf Gladio-Einsätze in der Bundesrepublik. Kurras arbeitete in der Westberliner Polizei bis zum 2. Juni 1967 in jener Abteilung, die Verräter in den eigenen Reihen aufspüren sollte – das ging nur mit Geheimdienstkontakten, zum BND und zur CIA. Mit Gladiokontakten?

Andere Beispiele habe ich in meinem Buch “Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste” (Residenz Verlag 2008, 340 Seiten, 21.90 Euro; Bestellung AUCH über info@juergen-elsaesser.de) aufgeführt, u.a. mit Verweis auf den Schweizer Daniele Ganser, den besten Gladio-Kenner. Auszüge aus meinem Buch:

Ganser hat Hinweise gefunden, wie auch in der Bundesrepublik rechtsradikaler Terror mit Hilfe der Gladio-Strukturen durchgeführt worden sein könnte, und zwar der Anschlag auf das Münchner Oktoberfest am 26. September 1980. Damals starben 13 Menschen, 219 wurden verletzt. Zwei Mitglieder der „Vereinigung Deutscher Aktionsgruppen“ gestanden bereits einen Tag später, dass der Nazi Heinz Lembke ihnen Waffen, Sprengstoff und Munition angeboten und von großen Lagern mit Militärgerät geredet habe. Dieser Aussage gingen die Fahnder aber erst auf den Grund, als etwa ein Jahr später durch Zufall eines der Erddepots aufflog. Der schnell festgenommene Lembke offenbarte gegenüber den Verhörbeamten die Lage seiner 32 weiteren Waffen- und Sprengstoffvorräte in der Lüneburger Heide. Dort wurden unter anderem14.000 Schuss Munition, 50 Panzerfäuste, 156 kg Sprengstoff und 258 Handgranaten sichergestellt. Quantität und Qualität der sichergestellten Hardware sprechen laut Ganser dafür, dass es sich um Gladio-Bestände handelte. Dies konnte jedoch nie bewiesen werden, da Lembke am 1. November 1981 erhängt in seiner Zelle aufgefunden wurde. Er hatte zuvor gedroht, am nächsten Tag gegenüber der Staatsanwaltschaft seine Hintermänner zu benennen. Ermittlungsbehörden und Politik einigten sich in der Folge darauf, dass Lembke ein Einzelgänger gewesen sei und es auch keine Verbindungen zum Oktoberfestattentat gebe.
Ob Gladio, wie südlich der Alpen, auch bei den Linksterroristen mitmischte? Hinweise auf geheimdienstliche Infiltration der Roten Armee Fraktion (RAF) fand jedenfalls neben Sachbuchautoren wie Gerhard Wisnewski und Ekkehard Sieker auch Michael Buback, dessen Vater Siegfried, der damalige Generalbundesanwalt, am Gründonnerstag 1977 samt seiner zwei Leibwächter erschossen worden war. Buback ermittelte auf eigene Faust und stieß auf eindeutige Hinweise, dass die bisher wegen der Bluttat Verurteilten – die RAF-Mitglieder Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt – die tödlichen Schüsse nicht abgegeben haben konnten. Vielmehr sei mit ziemlicher Sicherheit die Terroristin, bei der später auch die Tatwaffe gefunden wurde, die Mörderin gewesen – Verena Becker. Diese war nicht nur RAF-Mitglied, sondern stand auch auf der Gehaltsliste der Gegenseite. „Uns ist klar geworden, dass Frau Becker eine dringend Tatverdächtige ist und gleichzeitig eine Informantin des Geheimdienstes,“ resümierte Michael Buback.
Im Zuge seiner Recherchen fand der Sohn des Ermordeten Hinweise und Augenzeugen, die seine These von der Todesschützin Becker untermauerten – aber bei den Ermittlungen der Polizei regelrecht unterdrückt worden waren. Buback suchte einen Grund für dieses Fehlverhalten der Strafverfolgungsbehörden: „Unter den Möglichkeiten, die wir auch mit Journalisten erörtert haben, ist die noch am wenigsten schlimme, dass Geheimdienste in den siebziger Jahren glücklich waren, eine Kontaktperson im RAF-Bereich (gemeint: Verena Becker, Anm. J.E.) gefunden zu haben. Da stellt man plötzlich mit Schrecken fest, dass diese Person doch nicht voll unter Kontrolle war und sie den Generalbundesanwalt erschossen hat. In dieser misslichen Situation kann schon die Versuchung entstehen, diesen Tatbeitrag zu verbergen. Es gibt weitere, noch bedrückendere Denkmöglichkeiten. So könnte die Deckung eines Täters deshalb so rasch Wirkung entfaltet haben, da sie vorbereitet werden konnte, weil man von der Tat bereits vor deren Ausführung wusste. Ein schrecklicher Gedanke! Leider können wir auch diese Variante nicht mit Sicherheit ausschließen. Wir sind überzeugt, dass mein Vater neben der RAF noch andere Gegner hatte, und es gibt bedrückende Hinweise dafür.“
Wussten bundesdeutsche Staatsorgane also „von der Tat bereits vor deren Ausführung“? War Becker schon 1977 Mitarbeiterin eines westdeutschen Geheimdienstes? Ist die einzig offene Frage, ob sie am 7. April 1977 als wildgewordene Kombattantin ohne Auftrag ihres Dienstherren schoss – oder mit dessen Billigung? Diese Fragen werden sich kaum klären lassen, da Mitte Dezember 2007 vom Bundesamt für Verfassungsschutz beim Bundesinnenministerium der Antrag gestellt wurde, die Verhör-Akten von Frau Becker „für immer“ zu sperren. „Der Verfassungsschutz berief sich auf die Strafprozessordnung, nach der die Vorlegung von Akten durch andere Behörden nicht gefordert werden darf, wenn die Weitergabe der Schriftstücke ‘dem Wohl des Bundes oder eines Landes Nachteile bereiten würde’.“ Am 18. Januar 2008 hat das Bundesinnenministerium dem Antrag entsprochen.

aus: Jürgen Elsässer, “Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste” (Residenz Verlag 2008, 340 Seiten, 21.90 Euro; Bestellung AUCH über info@juergen-elsaesser.de)


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3 Responses

  1. Klaus Kinski sagt:

    Thema: Terror als Produkt der Geheimdienstkooperation

    Sehr geehrter Herr Elsässer,

    wie Ihnen sicherlich bekannt würde ich auch speziell im Fall Kurras auf Regine Igels Erkenntnisse “Linksterrorismus
    fremdgesteuert ?
    Die Kooperation von RAF, Roten Brigaden, CIA und KGB” aus der Zeitschrift ” Blätter für deutsche und internationale Politik” zurückgreifen ( http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/raf/igel0710.pdf ).

    Die Rolle des Berliner Verfassungsschutzes in der Terrorproduktion hatte eine exponierte Stellung. U.a. wurde der Agent des deutschen Verfassungsschutzes
    und Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ Volker von Weingraber alias Karl Heinz Goldmann immerhin mit 2 Raten à 500.000 D-Mark gar zum Millionär gemacht und anschließend von der italienischen Gladio-Seite auf italienischem Terrain ein “neues Leben” ermöglicht.

    Dass auch der Verfassungsschutz an einer kurzfristigen Destabilisierung der BRD interessiert war, ist zu erklären mit der Belohnung: die Notstandsverfassung vom 30. Mai 1968

    Lieben Gruß, O.Krupke

  2. Geneigter Leser sagt:

    Ein guter Anfang – aber wie so oft zu früh aufgehört.

    Es ist unbenommen, das es rechte wie linke “Spinner” gibt – die jedoch an 2-3 Händen abzählbar sind.

    Der Rest – sei es NPD, gewaltätige Rechte, Autonome, linke Extremisten – sind direkte oder indirekte “Staatsdiener”.
    GLADIO ist dabei nur eine Infiltrationszelle von vielen.

    Ziel ist es – wie wohl schon immer in der Geschichte – gesellschftliche Gruppen, die ev. der eigenen Macht gefährlich werden könnten, zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen, sie damit gesellschftlich zu isolieren.

    Oder glauben sie wirklich Extremisten (ala NPD) wären nicht wirklich verhinderbar? Nur dann würde man das “Gleichgewicht” stören, einer “Seite” das “Feindbild” rauben.

    Auch DAS hätten Sie durchaus recherchieren UND BEWEISEN können. Einfach mal ‘über den Tellerrand’ hinaus schauen und auch das ‘Unmögliche’ als Möglichkeit akzeptieren.
    Die 3. und 4. Reihe ist am gesprächigsten – und durch deren Hände gehen auch die Dokumente.

  3. m.geithner sagt:

    … dazu könnte die inerne stasi-info passen, dass man die “schüne revolution-wende-der ddr-untergang” von langer hand vom stasi-dienst,KGB und evtl sogar dem mosag/Israel geplant. organisert, und vor allem fianziert… na wunderbar… und markus wolff rümt nach seinem ausscheiden vom mfs seine guze cia-kontakte…. und da soll man nicht an verschwörungstheorien glauben? das volk bleibt draussen, opfer, stallknecht, sklave, humane schnittmenge,… es ist wirklich eine hure, die politik…

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