Doppelagent Kurras

Einige Seltsamkeiten und: Cherchez la femme


War Kurras ein Doppelagent? Dise Spekulation brachte zuerst mein Freund Andreas Hauß auf http://www.mediennalyse-international.de (eine super Website!). Hauß verwies auf einige andere Fälle von agents provocateurs bei der Apo, aber ich tat es in Bezug auf Kurras zunächst als ziemliche vage Spekulation ab. Nun aber hat Die Welt ein Dokument präsentiert, das entgegen ihrer Absicht dieser Spekulation neue Nahrung gibt, bzw. anderes Futter, als Die Welt gerne hätte.

Das Dokument ist eine Akte des KGB-Vorläufers über Kurras. Darin heißt es, Kurras sei schon ab 1945 Mitglied der SED gewesen.  Außerdem habe er bei einer Inhaftierung durch die Sowjets in Sachsenhausen ganz angenhme Haftbedingungen gehabt, nach eigenen Angaben. Die Welt schlußfolgert messerscharf: Die Sowjets haben ihn in Sachsenhausen schon als Spion eingesetzt, um andere Häftlinge zu bespitzeln. Und bringt die Hypothese, Kurras habe auch später nicht nur für das MfS, sondern auch für den KGB gearbeitet. Also ein Doppelagent.

Aber mit der Akte stimmt was nicht. Denn 1945, als Kurras SED-Mitglied gewesen sein soll, gab es die SED noch gar nicht. Die entstand erst 1946. Sowjetische Aktenschlamperei? War KPD gemeint (die gab es 1945 schon/noch), nicht SED? Oder ist der Fehler ein Indiz, dass die angblich sowjetische Akte schlecht gefälscht wurde? (Kommt die Akte eigentlich aus der Birthler-Behörde?)

Weiter heißt es in der Akte, Kurras sei in Sachsenhausen inhaftiert gewesen, weil er illegal Waffen besessen hatte. Also als Feind der sowjetischen Besatzungsmacht. Ein SED-Mitglied als Feind der Sowjets? Die Welt legt nahe, dass die Anklage falsch war – es ging ja nicht immer rechtsstaatlich zu damals, schon klar. Oder dass die Anklage von den Sowjets gefakt wurde, um Kurras mit einer Legende für die Spitzeleien in Sachsenhausen auszustatten. Möglich. Aber nehmen wir mal an, die Anklage stimmte. Dann war also Kurras nach dem Krieg ein Feind der Sowjetmacht und ein Feind des Kommunismus,  und die Mitgliedschaft in der SED – egal ob 1945/46 oder später – war seine Tarnung, oder die Tarnung, die ihm ein antisowjetischer Nachrichtendienst besorgt hat.

Diese – zugegeben – bloße Spekulation erhält durch die Aussagen seiner Frau Nahrung. Eine Reporterin von Springers B.Z. hat mit ihr gesprochen. Demnach flüchtete sie 1963 aus der DDR nach Westberlin und heiratete Kurras einige Zeit später. Das muss man sich mal vorstellen: Kurras soll also überzeugter Kommunist gewesen sein und abeitete für das MfS unter einigem Risiko im Westen. Und dieser Überzeugungstäter und SED-Fan soll sich in eine Frau verliebt haben, die vor der SED-Herrschaft geflüchtet ist? Hätte er sich nicht eine suchen können, die ihm mit Antikommunismus weniger auf den Wecker geht? Nun ja, man kann sagen: Wo die Liebe hinfällt,  schon wahr.

Bewiesen ist gar nichts, aber als Hypothese sei formuliert: Kurras arbeitete nur zur Tarnung für SED/Stasi, war ein Antikommunist von Anfang an, wurde deswegen in Sachsenhausen inhaftiert und heiratete deswegen eine Frau, die zu ihm passte. Bei der erstbesten Gelegenheit knallte er einen von den verfluchten Roten ab – Ohnesorg.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbst wenn das stimmen sollte, bleibt ein Schandfleck auf der Weste des MfS, sich mit so einem Typen eingelassen zu haben. Und die Linken, die so tun, als habe sich mit dem Kurras-Aktenfund in der Birthler-Behörde keine neue Situation ergeben, was die Einschätzung der 68er-Revolte anging, sind natürlich mit einer beachtlichen Denkfaulheit geschlagen. Die Aktenfunde sind brisant, und sie erfordern eine sorgfältige Recherche. Im Augenblick sind alle Hypothesen auf dem Tisch. Auch die oben skizzierte.



12 Kommentare zu „Doppelagent Kurras

  1. Ja, ich etwa habe aus dem Geschichtsbuch noch das Bild des Vereinigungsmarsches von KPD und SPD zur SED vor Augen, der 1946 geschah. Das Datum leuchtet auch soweit ein, als das unmittelbar nach Waffenstillstand nicht Menschen wo auf ihre Gelegenheit warteten, um die Gründung einer neuen Partei bekannt zu geben. Und erinnere ich mich wieder der Worte des Vaters eines Mitschülers, der sagte, bis 1961 haben viele Menschen in einem Teile Berlins gewohnt, im anderen gearbeitet, meinte jeweils die durch den Schutzwall geschaffenen Teile. Ach ja, Agentengeschichten. Gibt es nicht auch eine ARD-Doku, welcher zufolge L.H.Oswald zunächst verwirrter antikommunistischer Straßenprediger gewesen sei, sich für ein Attentat auf Fidel Castro beworben, unter dem Eindruck seines 1. Besuch in Cuba jedoch die Seiten gewechselt haben soll?

  2. stellt sich langsam die Frage ob 2003 schon das gleiche in den Akten gestanden hätte ?

    Zitat von: Evola am Heute um 06:59
    Spitzel schon vor Jahren beinahe enttarnt

    Fast wäre die Stasi-Tätigkeit des Ohnesorg-Schützen Kurras bereits vor Jahren ans Licht gekommen. Die Birthler-Behörde hatte schon alle Akten zusammengetragen.

    dpa Karl-Heinz Kurras 1967 beim Prozessbeginn im Berliner Landgericht Wie die Stasi-Akten-Behörde am Mittwoch in Berlin mitteilte, wurden im Jahr 2003 bereits Tausende Seiten mit dem Material für eine externe Forscherin sortiert. Allerdings beendete sie ihr Projekt vorzeitig , so dass die Akten ungelesen zurück ins Archiv geschickt wurden. Thema der Forschung war damals der Einfluss der DDR-Staatssicherheit auf die Innenpolitik der Bundesregierung
    http://www.focus.de/politik/deutschland/karl-heinz-kurras-spitzel-schon-vor-jahren-beinahe-enttarnt_aid_403150.html

  3. Ich halte durchaus auch eine Doppelagentschaft für BRD Geheimdienste für möglich um die 68er zur Eskalation zu bringen, ich verweise nur auf das Buch von Wisnewski, das RAF Phatom, und auf die allgemeine Operation Gladio, unsere politischen Systeme brauchen Feindbilder zur Selbstrechtfertigung

  4. Nachtrag zum Thema Agent Provokateurs durch BRD Geheimdienste

    „An seiner Dienststelle in Frankfurt am Main sagte ein Mitarbeiter, man glaube nicht, dass der Polizist als sogenannter Agent provocateur eingesetzt gewesen sei, um Autonome zu Straftaten anzustacheln. „Für solche Aufgaben gibt es andere Dienste in der Bundesrepublik“, sagte ein Beamter.“

    http://www.sueddeutsche.de/politik/98/467669/text/

  5. Nicht auszuschließen, daß Kurras im Auftrag eines bundesdeutschen oder alliierten Geheimdienstes als Doppelagent tätig war (Bernd Rabehl nimmt an, daß sich Kurras im Auftrag der CIA vom MfS anwerben ließ).

  6. Andreas von Bülow beginnt sein Buch: „Im Namen des Staates“ mit den Sätzen: „Auf die nahezu systematische Nutzung der über Kontinente hinweg vernetzten organisierten Kriminalität durch östliche wie westliche Geheimdienste wäre ich nie gestoßen, hätte nicht die Bundesregierung in den Jahren nach der deutschen Vereinigung alles darangesetzt, den Untersuchungsausschuß des Bundestages zur Aufklärung des Bereiches Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Obersten der Staatssicherheit Schalk-Golodkowski in seiner Arbeit auf Sachverhalte einzugrenzen, die dem Ansehen der Ost-, nicht jedoch der Westseite schädlich waren….Waren westliche Partner beteiligt, stockte die Aufklärung. Denn diese Partner hatten nicht selten den westlichen Geheimdiensten Gelegenheit gegeben, östliche Agenten für westliche Dienste zu werben.“

  7. weitere interessante Artikel zu Kurras:

    http://www.bildblog.de/8198/springer-hatte-mit-1968-nichts-zu-tun/

    Benno Ohnesorg wurde von einem Arschloch erschossen:

    http://notatio.blogspot.com/2009/05/benno-ohnesorg-wurde-von-einem.html

    http://notatio.blogspot.com/2009/05/stasi-spitzel-kurras-die-ganze-wahrheit.html

    »Eine gespaltene, autoritäre Persönlichkeit«

    Kurras war ein unpolitischer Waffennarr und ein reaktionärer Bulle, trotz Kontakten zur DDR.
    Gespräch mit Till Meyer

    http://www.jungewelt.de/2009/05-27/054.php

    und über 3200 Artikel, Nachrichten, Webseiten, Links etc. gegen dem Mainstream hier:
    http://www.mister-wong.de/user/Gegenstrom/

  8. und etwas zu Gladio ganz offiziell aus Wikipedia

    Gladio (ital. vom lateinischen gladius für Schwert) oder auch Stay-Behind-Organisation war der Name einer paramilitärischen Geheimorganisation von NATO, CIA und des britischen MI6 während des Kalten Krieges. Die Gladio-Mitglieder sollten nach einer sowjetischen Invasion Westeuropas Guerillaoperationen und Sabotage durchführen. Die Organisation existierte von etwa 1950 bis mindestens 1990 und arbeitete im damaligen Westeuropa, Griechenland und der Türkei. Im Zuge der Aufdeckung von Gladio wurde 1990 bekannt, dass Teile der Organisation unter Mitwirkung von staatlichen Organen systematisch und zielgerichtet an Terrorakten und Morden in mehreren europäischen Ländern beteiligt waren. Es folgte ein europaweiter politischer Skandal, die Presse sprach von dem „bestgehüteten und zerstörerischsten politisch-militärischen Geheimnis seit dem Zweiten Weltkrieg
    .http://de.wikipedia.org/wiki/Gladio

  9. dazu könnte die inerne stasi-info passen, dass man die “schüne revolution-wende-der ddr-untergang” von langer hand vom stasi-dienst,KGB und evtl sogar dem mosag/Israel geplant. organisert, und vor allem fianziert… na wunderbar… und markus wolff rümt nach seinem ausscheiden vom mfs seine guze cia-kontakte…. und da soll man nicht an verschwörungstheorien glauben? das volk bleibt draussen, opfer, stallknecht, sklave, humane schnittmenge,… es ist wirklich eine hure, die politik…

  10. Ich habe erst einmal weiteres Aufklärungsbedürfnis. Für uns war Kurras immer eine sehr zwielichtige Erscheinung. Er war in der Nazizeit autoritär geprägt worden, er war ein Waffennarr. Für wen er die Waffe trug und schoss, war letztlich egal. Dass er von der West-Polizei zur Volkspolizei wechseln wollte, dafür fehlt mir noch ein Motiv. Denn eine Liebe zum Sozialismus hat er nie geäußert. Da bin ich misstrauisch. Ich würde gern vom Berliner Verfassungsschutz hören, ob Kurras auch auf deren Gehaltsliste stand. Das muss jetzt schon geklärt werden.

    Kurras als Doppelagent? Wollen Sie von der Stasi ablenken?

    Nein, gar nicht. Aber das ist doch nicht ausgeschlossen. Ich möchte auch klären, was die Stasi noch über den 2. Juni wusste. Gab es noch andere Polizisten, die zugearbeitet haben? Wer war auf Seiten der Demonstranten für die Stasi tätig? Die Forschungsabteilung der Birthler-Behörde wird kräftig ausgebaut werden müssen.

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0530/politik/0015/index.html

  11. Berlin (dpa) – In der Stasi-Unterlagenbehörde ist eine Kopie der Anklageschrift gegen Karl-Heinz Kurras gefunden worden. Das berichtet die «Berliner Zeitung». Das Dokument von 1967 stamme offenbar direkt aus dem Büro des damaligen Generalstaatsanwalts. [b]Der Fund zeige, wie weit der DDR-Staatssicherheitsdienst die West-Berliner Behörden unterwandert hatte.[/b] Kurras hatte am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. Vor kurzem war bekanntgeworden, dass der frühere Polizist Stasi-IM war.

    © sueddeutsche.de – erschienen am 06.06.2009 um 09:31 Uhr

    http://newsticker.sueddeutsche.de/

    „Der Fund zeige, wie weit der DDR-Staatssicherheitsdienst die West-Berliner Behörden unterwandert hatte“
    Anm von Mir….oder aber wie west und ost Geheimdienste zusammenarbeiteten?????

  12. Dass Kurras auch für einen westlichen Geheimdienst gearbeitet hat, halte ich angesichts der Umstände (vor allem dem mysteriösen Verschwinden von Beweisen nach der Tat) für sehr wahrscheinlich. Für unwahrscheinlich halte ich allerdings, dass er im Auftrag irgendeines Geheimdienstes geschossen hat. Dieser Schuss war im Interesse keiner Macht. wohl aber im Interesse eines Law-and-Order-Typen und Freiheitshassers. So sind sie nun mal, die Spitzel – sie lieben nicht ihre Auftraggeber, sie hassen Leute, die Freiheit und menschliches Zusammenleben für erstrebenswert halt – wie Benno Ohnesorg.

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