Bomben auf Bern

Nazi-Deutschland, Eidgenossen und Genossen

Kann man sich vorstellen, was passiert wäre, wenn Steinbrück nach den Kriegsverbrechen in Gaza die Israelis als „Indianer“ bezeichnet hätte, gegen die man die „Kavallerie in Marsch setzen“ müßte? Oder selbiges Späßchen auf Kosten der Türken gemacht hätte, Anlaß beliebig? Eine außenpolitische Krise wäre das Mindeste gewesen. Der Zentralrat der Juden hätte von „Völkeremorddrohung“ gesprochen, die Hürriyet via Washington bei Springer protestiert. Der moralischen Overkill hätte Steinbrück ratzfatz das Amt gekostet, so weich gefallen wie Kurt Beck wäre er nicht.

Aber wenn das selbe gegen die Schweiz und die Schweizer gesagt wird, läuft alles easy. Der einzige laue Protest kommt vom Wirtschaftsflügel der Union und von der FDP, die um Absatzmärkte fürchten. Im „Freitag“ steht ein wachsweicher Artikel von Vontobel. Ansonsten ist die Linke komplett ausgefallen. Die imperialistische Dimension der deutschen Kampagne – eine europäische Großmacht will einen kleineren Nachbarn erpressen – wird ausgerechnet von denen nicht begriffen, die ansonsten immer mit Verweis auf die deutsche Geschichte das „Nie wieder“ plakatieren. Die ganzen EU-Kritiker, die ansonsten vor der neuen Supermacht warnen, schauen weg, wenn diese neue Supermacht ein widerständiges kleines Volk attackiert.

Da lobe ich mir den Schweizer Schriftsteller Christian Kracht und seinen aktuellen Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein wie im Schatten“. Das Geschehen spielt während eines hundertjährigen Krieges zwischen der Schweiz und ihren Verbündeten auf der einen und Nazi-Deutschland nebst Großbritannien auf der anderen Seite – cum grano salis die aktuelle Konstellation im Finanzstreit. Die Deutschen bombardieren Bern und schießen von der Front bei Grenoble aus Giftgasgranaten auf das verbunkerte Alpenreduit. „Die Bombardierung war außerordentlich unerbittlich gewesen, den Deutschen war es vor der Zerstörung ihrer Luftschiffe gelungen, schwere Schraubbomben abzuwerfen, die sich mit ihren rotierenden Spitzen in den Granit hineingedreht hatten … Hunderte von Soldaten waren so ums Leben gekommen … In den Hallen und Gängen versuchten die Menschen panisch, dem sich allerorten ausbreitenden Geruch von Mandeln zu entkommen.“

Das Konstrukt des Romans ist irre: Lenin hat die Revolution nicht in Rußland, sondern in der Schweiz gemacht, die nun das weltweite sozialistische Lager anführt. Der „Politkomissär“, der den Leser durch die Wirren des Krieges hetzt, ist ein Schwarzafrikaner – wo sich ebenfalls sozialistische Staaten nach dem Vorbild der Schweizer gebildet haben. Von dieser kommunistischen Eidgenossenschaft hält der Autor gar nichts, der Roman liest sich passagenweise wie eine Reprise von Orwells „1984“. Aber immerhin hat Kracht das Sujet der deutschen Bedrohung wiederentdeckt – der nervöse Literat fungiert als Medium für die Fieberträume der Schweizer Bürger. Daß er Nazideutschland, anders als Robert Harris in „Vaterland“, im Bündnis mit den Briten sieht, hebt ihn von der simplen antideutschen Belletristik, die periodisch über Nordsee und Atlantik schwappt, erfreulich ab.