Elsässer im Jungle Camp

Interview mit der Zeitschrift „Jungle World“

Jürgen Elsässer im Interview mit der Wochenzeitschrift „Jungle World“ – da fließt natürlich Blut. Mir wird NPD-Nähe unterstellt und jeder andere Quatsch, den man sich vorstellen kann – und ich muß aus allen Rohren zurückschießen. Die Feindschaft des Blattes habe ich mir redlich verdient: Gehörte 1997 zu dessen Mitgründern und wurde 2000 aus dem Herausgeberkreis ausgeschlossen, weil ich u.a. die Zeitung als „wöchentliche Taz“ geschmäht hatte. Immerhin: Ich konnte das Interview autorisieren, das lief auf dieser Ebene korrekt.

(Das Interview erschien am 17. Januar 2007)

?Sie haben der rechtsextremen französischen Zeitung Le Choc du Mois ein Interview gegeben. (Jungle World, 47/06). Warum?

Die Zeitung hat sich das Interview erschlichen. Hätte ich gewusst, dass es ein rechtsradikales Blatt ist und dass in derselben Ausgabe ein Interview mit Le Pen erscheint, hätte ich das Interview nicht gegeben. Denn mein Prinzip ist und bleibt: keine Kontakte mit Rechtsextremen. Zum Vorgang selbst: Mein Buch „Wie der Dschihad nach Europa kam“ wurde Ende April 2006 auf der Buchmesse in Genf vorgestellt. Ich habe da in kurzer Zeit etwa 20 Interviews gegeben. Und da waren eben auch diese Vögel dabei. Ich hab gefragt, was das für ein Blatt sei, und die sagten, es sei eine unabhängige Monatszeitung, die erste Ausgabe erscheine im Folgemonat. Das war beim besten Willen nicht durchschaubar.

?Sie lehnen Kontakt mit Rechtsextremen ab, gleichzeitig aber verteidigen Sie in der Jungen Welt die Koalition zwischen Sozialdemokraten und Neofaschisten in der Slowakei. Zum ersten Mal sei da im „neuen Europa“ nach Rumsfeld eine politische Kraft ans Ruder gekommen, die mit dem Neoliberalismus brechen wolle.

Es stimmt zwar, dass die Slowakische Nationalpartei SNS rechtsradikale Wurzeln hat. Aber ob sie heute noch rechtsradikal ist, kann man nicht ohne weiteres sagen. Ich habe für eine gewisse Zurückhaltung plädiert, gerade weil Osteuropa von den deutschen Nazis unterjocht wurde und jetzt wieder von deutschem Kapital kolonialisiert wird. Deshalb sollte man nicht gleich jede nationale Bestrebung, die es in diesen Ländern gibt, wegen ihrer Uneindeutigkeit zum Lager des Faschismus rechnen.

? Die Partei beruft sich selbst auf den Faschismus.

Das war vor 15 Jahren der Fall, heute nicht mehr. So jedenfalls die Einschätzung der Slowakischen KP, die die Regierung auch unterstützt.

? Sie haben auch von einer „Inländerfeindlichkeit“ in Deutschland gesprochen. Interessen von Minderheiten, etwa von Asylbewerbern, würden höher bewertet als die Interessen des deutschen Arbeiters. „Inländerfeindlichkeit“ ist ein Begriff der NPD.

Wenn es draußen regnet, kann ich nicht sagen, draußen scheint die Sonne, nur weil die Rechten es auch sagen. Tatsache ist, dass das Bündnis zwischen Großkapital und Kernarbeiterschaft, das den Fordismus auszeichnete, im Neoliberalismus aufgekündigt worden ist. Der zentrale Angriff wird nicht nur gegen das Drittel der Gesellschaft geführt, das am Rande steht, sondern auch gegen die Zweidrittel, die die Mehrheit ausmachen – und das sind eben die Inländer. Wenn ich von Inländern spreche, meine ich nicht nur die so genannten Blutsdeutschen, sondern alle, die hier leben, egal welcher Herkunft.

?Auch die Polemik gegen das politische Korrekte ist originär rechts.

Was heißt originär rechts? Political Correctness (pc) ist eine Unterdrückungs- und Zensurideologie des modernen globalen Imperialismus und seiner pseudo-linken Gesundbeter. Marx war für Klassenkampf, nicht für pc – schon vergessen?

?Sie polemisieren auch gegen Multikulti und Gendermainstreaming.

Und das ist auch gut so. Länder wie Afghanistan, Irak und demnächst Iran werden in die Steinzeit zurückgebombt, weil sie nicht das westliche Verständnis von Multikulti teilen. Auch in der Innenpolitik steht die Multikulti-Ideologie seit 9/11 für einen neuen Rassismus: Man hetzt gegen Moslems, weil die sich gegen die Pornographisierung und Amerikanisierung der Gesellschaft wehren und nicht von ihrem Gott lassen wollen. Wie die Juden in den dreißiger Jahren wird jetzt eine andere religiöse Minderheit aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Das ist die neue Faschisierung.

?Hört sich eher nach einer der abgeschmacktesten Relativierungen des Holocaust an.

Schon Horkheimer/Adorno schreiben in der „Dialektik der Aufklärung“, dass der Antisemitismus auf dem „faschistischen Ticket“ durch andere Hassideologien ersetzbar geworden ist.

?Ihr neues Buch heißt „Angriff der Heuschrecken“. Der Titel erinnert an Tiermetaphern, wie sie im Nationalsozialismus verwandt wurden.

Sie argumentieren wie der Arbeitgeberverband, als Münte die Metapher populär machte. Fakt ist: Heuschrecken kommen in der Propaganda von Hitler, Goebbels und Co. nicht vor.

?Mitte der neunziger Jahre haben Sie sich gegen den Antisemitismus in der Linken eingesetzt. Damals vertraten Sie antideutsche Ansichten. Wenn man heute Ihre Texte liest, fragt man sich: Wie kam es zu dieser Wendung?

„Nie wieder Deutschland“ – dieser Slogan wurde von unserer Polit-Gruppe in Stuttgart zu Jahresanfang 1990 erfunden, im Zweifelsfall liegt das Copyright bei mir. Nach dem Fall der Mauer sah es wirklich so aus, als ob ein „Viertes Reich“ entstünde, deswegen musste man antideutsch sein. Aber die nationalistische Dynamik wurde ab Mitte der neunziger Jahre durch die globalistische Dynamik gebrochen. Deutschland musste sich den USA wieder unterordnen. Wer heute angesichts der Bush-Politik keine antiamerikanischen Reflexe hat, ist hirntot oder gekauft.

?Sie haben früher für die Jüdische Allgemeine geschrieben. Heute nicht mehr. Warum?

Ich habe vor etwa fünf Jahren aufgehört dort zu schreiben. Das hat nichts mit Nahost oder Israel zu tun. Vielmehr habe ich mich geärgert, dass meine Jugoslawien-Artikel nie genommen wurden.