Lügen haben kurze Beine

seltsam-019Wenn’s keine Fakten gegen die „Volksinitiative“ und Elsässer gibt, werden sie erfunden: Der linksradikale Politökonom Winfried Wolf plakatiert mit Hilfe eifriger Blog-Warte in der einschlägigen Netz-Szene, dass Elsässer nun auch vom bekannten Berliner Kabarettisten Dr. Seltsam geschnitten werde und bei diesem Auftrittsverbot habe. Nix is: Dr. Seltsam hat zur Klarstellung gestern eine Erklärung veröffentlicht, in der er „die ganzen Geschichtstrottel, die
noch nicht mal den Unterschied zwischen Querfront und Volksfront kennen“ scharf angreift. Und weiter: „Ich bin sehr dagegen, Jürgen Elsässer aus der Linken quasi zu exkommunizieren, wie es momentan von einigen Leuten getan wird.“ Außerdem kündigt Seltsam an, dass Elsässer demnächst wieder Gast in seiner Show sein wird.

Foto: Elsässer vs. Seltsam – immer streitbar, immer fair.

Hier die Original-Erklärung von Dr. Seltsam.

„Dr.Seltsam“
Gesendet: 01.02.09 02:57:10
An: Jürgen Elsässer , Jürgen Elsässer , hbuecker , Florian Ernst Kirner , Querkopf , Querkopf , Werner Schneidewind, yokato@web.de

Betreff: DR.SELTSAM ZUM FALL ELSÄSSER
– Zitierten Text ausblenden –

DR.SELTSAMS WOCHENSCHAU behandelt am Sonntag, dem 1. Februar 2009, 13
Uhr, das gegenwärtige Haupt-Tratschproblem der Berliner Linken: KRISE
UND KAPITALISTENKLASSE. Oder: Elsässers Traum vom teilbaren Weltkapital
.Mit Sergej Goryanoff, marxistischer Ökonom. Ist die gegenwärtige Krise
ein gesteuerter Angriff des Dollarkapitals auf den Euro? Ist die
marxistische Krisenanalyse von gestern? Und muß die Linke eine
Volksfront von Lafontaine bis Gauweiler gründen? DR. SELTSAMS
WOCHENSCHAU jeden Sontag 13-15 Uhr direkt an der Linie 1: Wirtshaus
Oberbaum-Eck, Bevernstr. 5, 10997 Berlin-Kreuzberg.U-Bahn Schlesisches
Tor. Parkplätze. Raucherraum. Essen und Trinken günstig. EINTRITT FREI
-SPENDEN ERWÜNSCHT.

Außerdem habe ich Jürgen Elsässer eingeladen, mit mir in meiner Show
über seine „Volksinitiative“ zu diskutieren und im Laufe des nächsten
Vierteljahres wird er das wohl auch tun. Ich bin sehr dagegen, Jürgen
Elsässer aus der Linken quasi zu exkommunizieren, wie es momentan von
einigen Leuten getan wird. Vor allem, finde ich, sollte man, selbst
falls man Elsässer momentan auf falschen Wegen sieht, nicht das Kind mit
dem Bade ausschütten und seine alten Verdienste um die Linke vergessen:
Aufdeckung des verborgenen Antisemitismus bei vielen jungen Deutschen,
ideologische Entwaffnung der antideutschen Provokateure, Solidarität mit
Milosevic, Enthüllung imperialistischer Pläne, Geheimdienste und
ökonomischer Angriffe. Mit all diesen Büchern und Kampagnen in den
letzten 20 Jahren hat Jürgen Elsässer wohl unbezweifelbar für die Linke
nützliche Arbeit geleistet. Alle diejenigen, die ihn jetzt für eine
Marionette der Nazis halten, haben ja wohl mindestens die Schuldigkeit,
zu erklären, wie diese plötzliche Wandlung materialistisch zu erklären
wäre. Tatsächlich wollte Jürgen zunächst diese Veranstaltung bei Dr.
Seltsams Wochenschau machen, aber die Räume im Oberbaum-Eck erschienen
ihm zu klein. Das hat ein bischen an meiner Eitelkeit gekratzt, aber das
würde ich nicht als ernsthaftes Zerwürfnis bezeichnen. Ich empfinde mich
immer noch mit Jürgen Elsässer und seiner reizenden Gattin befreundet
und werde auch weiterhin mit beiden gelegentlich zum Tanzen gehen.

Die Ernsthaftigkeit, mit der von verschiedensten Seiten zur Zeit auf
Jürgen Elsässer eingeschlagen wird, finde ich befremdlich. Etwa das Neue
Deutschland, das meines Wissens noch niemals einen Redakteur wegen
unerträglich langweiliger Texte entlassen hat (was für den Klassenkampf
viel schädlicher ist!), findet seine Thesen auf so unerträglich, dass
sie ihn gleich rausschmeißen. Der Jungen Welt hatte ich selber
angeboten, etwas zur Auseinandersetzung über die „Volksini“ zu
schreiben, da wurde mir bedeutet: „Gar nich ignorieren!“ und stattdessen
erschien dann ein Diktum vom Chef, dass nun wohl Elsässer „vom Alien
gebissen wurde“, sonst nichts. Das finde ich nicht nur menschlich
unmöglich, sondern eine verpasste Chance für alle Linken, hier etwas zu
lernen. In meiner Show am Sonntag werde ich Elsässers Thesen einer
gründlichen marxistischen Kritik unterziehen und hoffentlich auch die
Punkte benenen können, wo er falsch liegt. Aber auch wenn „der Adler mal
so tief wie Hühner fliegt“, so haben die ganzen Geschichtstrottel, die
noch nicht mal den Unterschied zwischen Querfront und Volksfront kennen,
keinen Grund zu glauben, sie „flögen nun auf Adlershöhen“, nur weil sie
einen Anlaß finden, Vorurteile und Neidhammel-Reflexe austoben zu können.

Wie man weiß, ist meine Form der Auseinandersetzung die WOCHENSCHAU, wo
ich schon sofort nach der Saalschlacht im Max&Moritz eine aktuelle und
kritische Stellungnahme abgab. Elsässers Bekanntgabe, daß er bei der
Fahndung nach den Angreifern „mit Polizei und Staatsschutz“
zusammenarbeiten will, veranlasste mich zu der Anfrage, ob er dem
Staatsschutz auch alles das offenbaren will, was wir zwei so beim
Frühstück und beim Tanzvergnügen besprochen haben und ob ich mich nun
langsam nach einem Asylplatz in Schweden oder Portugal umsehen müßte.
Das trug erkennbar satirischen und übertriebenen Charakter. Wenn darin
nun einige linke Kommentatoren einen Bruch mit Elsässer sehen, so kann
ich nur sagen, daß ich beide Seiten meinte, sie sollten das nicht alles
so tierisch bürokratisch ernst nehmen. Aber das ist ja wohl der alte
Fehler aus Sektenzeiten, dass sie jedes falsche Wort der Konkurrenten
gleich zu einem todeswürdigen Verbrechen stilisieren. Vor den Massen
macht man sich damit nur lächerlich.

Im Übrigen, um hier nicht die „Fronten“ zu verwischen: Ich finde es
richtig, Nazis aus Kreuzberg rauszuhalten und ihnen bei jeder
Gelegenheit eins rüberzuziehen. Ich finde die Aufforderung, die feige
und rückständige BRD-Kapitalistenklasse gegen das US-Kapital zu
verteidigen, absurd und unmöglich, eine komplette Fehleinschätzung
der Wirklichkeit! Aber solche Ideen haben in der Linken viele, deswegen
allein ist man noch kein Nazi. Wir sollten lieber die Menschen darüber
aufkären, warum diese Idee hanebüchen ist statt nach diversen
Querfront/Verrats-Keulen zu greifen. Dazu werde ich am Sonntag das
Nötige sagen.

31. Januar. 2008 (Fällt einem bei diesem Datum nicht sofort ein, dass es
wirklich Wichtigeres gibt, als Elsässer zu beschimpfen?!)

Dr. Seltsam aus Berlin Kreuzberg, für DR. SELTSAMS WOCHENSCHAU Nr. 176.