Offener Brief an Wolfram Siener, Sprecher von Occupy-Frankfurt
Lieber Wolfram Siener!
Seit gestern gibt es Meldungen, dass Sie sich aus der Bewegung zurückziehen wollen, nachdem es Mord(?)drohungen gegen Sie und Ihre Familie gab. In einem Fall wurde zu Ihrem Twitter-Protokoll verlinkt, das diese Meldung anscheinend bestätigt.
Ich würde Sie herzlich bitten, diesem ekelhaften Druck NICHT nachzugeben und weiter in der ersten Reihe zu bleiben. Ich weiß durchaus, wovon ich spreceh, denn ich selbst habe schon mehrfach Morddrohungen erhalten: Im Jahr 1995 bekam ich, per Fax zugestellt, ein Todesurteil von Neonazis (“Exilregierung des Deutschen Reiches”). Nach dem NATO-Überfall auf Jugoslawien 1999 bekam ich mehrfach, unter anderem über Netz-Kommentare, Todesdrohungen der albanischen Untergrundbewegung UCK, die mit Hilfe der NATO-Aggression ihren eigenen Staat erhalten wollten und mich als potentiellen Störenfried sahen. Albaner tauchten in Mannschaftsstärke auf meinen Lesungen auf und pöbelten in drohender Positur herum. Im Januar 2010 schließlich wurde eine Veranstaltung der von mir mitgegründeten “Volksinitiative gegen Finanzkapital” von angeblichen Autonomen überfallen, zwei Personen wurden niedergeschlagen und blieben in ihrem Blut liegen.
In allen diesen Fällen hat mich zusätzlich schockiert, und möglicherweise erleben Sie das jetzt auch gerade, dass der Staatsschutz sich um diese Drohungen wenig kümmert. In zwei Fällen sprach ich vor, bekam aber nur lapidare Auskünfte (“Fahren Sie nicht immer denselben Weg nach Hause!”, “Parken sie nicht über Gulli-Deckeln”, “Treten Sie nicht so provokativ auf”).
Trotzdem habe ich mich in allen Fällen fürs Weitermachen entschieden. Tatsächlich ist es der beste Schutz, wenn man weiter in der Öffentlichkeit bleibt. Die Öffentlichkeit wäre in Ihrem Fall sogar noch ein viel besserer Schutz, da Sie mittlerweile eine Art Publikumsliebling sind. Gehen Sie in die Offensive! Machen Sie die Drohung in einer Pressekonferenz publik! Berichten Sie über die Reaktionen der Polizei.
Und vor allem: Machen Sie weiter! Sie wussten doch eigentlich ganz genau, dass das Finanzkapital mächtig ist! Wundert es Sie, dass die “Herren des Morgengrauens” gefährlich werden können? Wundert es Sie, dass sie die Leute beseitigen wollen, die Ihnen gefährlich sind? Da müssen wir durch! Wenn Sie jetzt sich zurückziehen, wirkt das demoralisierend auf viele Mitstreiter. Das ist doch genau das, was das Finanzkapital will! Umgekehrt: Wenn Sie jetzt das Kreuz durchdrücken, ist das Ermutigung für Tausende, für Millionen!
Dabei gehe ich, wiederum aus eigener Erfahrung, nicht davon aus, dass die Drohungen im jetzigen Stadium ernstgemeint sind. Das ist ein Versuchsballon, um Sie zu testen. Gefährlich wird es, wenn so etwas passiert, wie es einem deutschen UN-Beamten im Kosovo widerfuhr: Die UCK legte ihm einen abgeschnittenen Pferdekopf auf den Schreibtisch. Ich nehme aber an, dass das bei Ihnen nicht der Fall ist. Die Sitation ist auch anders als beim Attentat auf Rudi Dutschke, gegen den massiv von der Springer-Presse gehetzt worden ist. Das ist bei Ihnen anders, da gibt es ja eher das Problem der heuchlerischen Vereinnahmung.
Machen Sie diese skandalöse Drohung groß publik, das wäre ein schwerer Schlag für alle ihre Gegner. Und nutzen Sie ihre Beliebtheit in der Öffentlichkeit, um die Polizei öffentlich um Personenschutz zu bitten. Unabhängig davon: Warum könnten nicht Mitstreiter aus der Occupy-Bewegung vor Ihrem Haus bzw. dem Ihrer Familie eine Mahnwache aufziehen? Das ist ein Element praktischer “Sicherheitspolitk” und hat Ausstrahlungskraft.
Obwohl ich mit Ihnen in einigen Punkten nicht übereinstimme – so halte ich etwa eine Rückkehr zur D-Mark für dringend erforderlich –, halte ich Sie für eine wichtige Person, um eine Bewegung in Ganz zu bringen, da Sie überzeugendes Auftreten mit Fähigkeit zur Selbstkritik paaren. Solche Leute in dieser Mischung sind dünn gesät! Wir brauchen Sie!
Um die weitere Perspektive des Widerstandes gegen die Finanzgangster zu debattieren, würden wir Sie von COMPACT-Magazin auf ein Podium einladen, wo Sie mit einem ihrer Kritiker – etwa Alexander Benesch von infokrieg.tv oder Oliver Janich von der Partei der Vernunft – diskutieren können. Das wäre eine spannende Sache und für alle ein Gewinn. Als Termine haben wir den 3. November und den 1. Dezember im Auge, die turnusmäßige Präsentation der neuen Ausgabe von COMPACT-Magazin. Sind Sie dabei?
Alles Gute,
beste Grüße
Jürgen Elsässer, Chefredakteur COMPACT-Magazin











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