Mehr Fragen als Antworten zu den jüngsten Protestformen
Je näher ein dramatisches Ereignis rückt – ein spektakulärer Bankenzusammenbuch wie Lehman Brothers, Griechenlands offizielle Insolvenz, gefolgt von Kettenreaktionen -, umso mehr Menschen versammeln sich unter freiem Himmel in Erwartung des Donnerschlages. Das hat ein bisschen was von den Sekten, die sich in Vorbereitung von Tag X – der Wiederkehr des Messias oder des 666-Ungeheuers – in irgendeiner Wüste versammelten, um zu den ersten Auserwählten der Neuen Zeit zu gehören. Wenn Jesus Christus sich nicht blicken ließ, begingen diese Sekten öfter mal kollektiv Selbstmord, aber meistens geht es hinterher trotz Frust einfach weiter, wartend auf das nächste Milleniumsereignis.
Sich unter freiem Himmel versammeln, campieren und Straßenmusik hören, sich von der Polizei verprügeln lassen: So ging das los in Tunesien, auf dem Tahrir-Platz in Kairo, mittlerweile kommen ähnliche Bilder aus Tel Aviv, aber auch aus Madrid und Rom, und nun ganz spektakulär von der Wall Street und anderen US-Städte. Am 15. Oktober wird gar zum weltweiten Zelten – pardon: zur Weltrevolution – aufgerufen. Ein bisschen skeptisch wird man da schon als alter Bolschewik, denn es hat selten eine Revolution gegeben, die nicht unter einigermaßen klaren Losungen stattfand. Aber die hier sind einfach irgendwie dagegen. Wird sich das nicht alles in Wohlgefallen auflösen, wenn es zu kalt zum Campen wird? Oder weitergehend gefragt: Zeigt nicht das Beispiel des arabischen Frühlings, dass die ziellosen Revolutionen zwar Potentaten stürzen, aber gerade nichts zur Verbesserung für die arbeitenden Klassen bewirken können? Sind Sie nicht manchmal, siehe Libyen, sogar das Einfallstor für eine imperialistische Veränderung des Status Quo?
Andererseits: Unter den Bedingungen einer gleichgeschalteten Öffentlichkeit und verkrusteter politischer Strukturen – nicht mal in der CSU kam ein staatstreuer Reformator wie Gauweiler durch! -, ist es vielleicht doch ein Fortschritt, wenn sich Andersdenkende erstmal ohne politische Vorgaben und Forderungen treffen, und zwar nicht nur im Internet, sondern auch im wirklichen Leben. So entsteht zwar keine Revolution, aber immerhin ein politisches Kraftfeld, das nicht von den Etablierten kontrolliert wird. Die werden zwar sofort ihre Einfussagenten losschicken – in New York haben sich bereits Soros und Obama angeschleimt! -, um die Zeltrebellen in ihre Richtung zu ziehen. Aber die Chancen, dieser Einflussnahme zu trotzen, stehen auf den “Volksversammlungen” vermutlich viel besser als im Bundestag.
So, das war mein Pro und Contra. Nun seid Ihr dran …









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Ich stimme zwar weitgehend zu, aber nicht in allem.
“Zeigt nicht das Beispiel des arabischen Frühlings, dass die ziellosen Revolutionen zwar Potentaten stürzen, aber gerade nichts zur Verbesserung für die arbeitenden Klassen bewirken können? ”
Ziellose Revolutionen sind zwar ein Problem, weil es danach vielleicht noch schlimmer wird als vorher, das ist richtig. Aber Ägypten und Libyen sind schon deswegen nicht miteinander zu vergleichen, weil in Ägypten keine fremde Macht zwecks Herbeibombardierens von “Menschenrechten” eingefallen ist . All diesen Prostesten, auch gegen die Wallstreet, ist gemeinsam, dass sie keine einende Führungspersönlichkeit haben wir im Iran damals, und das macht sie leider angreifbar. Trotzdem ist es immer noch besser, als gar nichts zu tun!
Aber ich finde etwas ungeduldig, nach noch nicht mal einem Jahr Revolution gleich großartige Verbesserungen zu erwarten. In Ägypten ist immer noch ein “Oberster Militärrat” an der Macht, die letzte Schlacht ist also noch lange nicht geschlagen, alles befindet sich noch in Entwicklung.
Weiterhin ist allen gemeinsam, dass es sich um heterogene Bewegungen handelt, also genau die Querfronten zwischen sehr unterschiedlichen Leuten, die Sie ja immer gegen das Finanzkapital bzw. aktuell den Euro bilden wollen, wenn ich Sie recht verstehe. Was sie eint, ist die Gegnerschaft gegen etwas.
Wenn das erste Ziel erreicht wurde, müssen FREIE Wahlen dafür sorgen, dass sich diejenigen durchsetzen, die vom Volk dazu legitimiert wurden.