Jürgen Elsässer Blog

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Linke, Ausgrenzung und Zensur

Nach dem Sieg der Meinungsfreiheit im Club Voltaire: Fragen auch an „Junge Welt“


Der Freitag Abend im Club Voltaire (Frankfurt) war ein wichtiger Sieg für die Meinungsfreiheit: Das Definitionsmonopol der politisch Korrekten, die jede unliebsame Kritik an der offiziellen 9/11-Darstellung, an Israel oder am Finanzkapital als antisemitisch brandmarken und verbieten wollen, wurde gebrochen. Die Veranstaltung fand statt, fand großen Zuspruch und die Sitzblockade der Verhinderer und ihr Geschrei und Getobe wurde souverän – gewaltfrei und entschlossen – übergangen. Bravo!


Auf „Mein Parteibuch“ wird nun der Vorschlag gemacht, diesen Vorfall zu nutzen für weitere öffentliche Diskussionen um das Thema „Meinungsfreiheit und Linke“ bzw. „Grenzen der Meinungsfreiheit“. Auch mein Name als einer der Protagonisten in der Debatte wird ins Spiel gebracht (wenn auch meine Position arg verkürzt wird; ich bin NICHT für eine Querfront, sondern für eine Volksfront, was so ziemlich das Gegenteil davon ist, aber sei‘s drum).


Jedenfalls sei von meiner Seite aus klipp und klar gesagt: Ich bin zu solchen Diskussionen bereit. Gerade auch mit der „anderen Seite“. Egal wer der Veranstalter ist, egal wer die Kontrahenten sind. (Ich hab auch schon mit Justus Wertmüller von den Bahamas ein Streitgespräch gemacht, warum nicht?). Nur der gewaltfreie Verlauf der Veranstaltung muss gewährleistet sein, das ist meine einzige Bedingung. (Nach meiner Erfahrung werden die Antideutschen kneifen, da sie keine Argumente haben und da, wenn sie mit Bandbreite, Arbeiterfotografie, Volksinitiative reden, sie ja ihr Mantra, wir seien allesamt Nazis, schwächen würden. Aber egal, versucht werden soll es trotzdem. Wie gesagt: Ich bin bereit!).


Auch die „junge Welt“ könnte ein wichtiges Medium dieser Debatte sein. Bisher sieht es aber nicht danach aus: Vor kurzem veröffentlichte sie einen längeren Artikel, der nicht nur die Volksinitiative, sondern die gesamte 9/11-kritische Blogger-Szene unter dem Label „Faschismus 2.0“ subsummierte. Vielleicht bringen die Vorkommnisse in Frankfurt enige jW-Leute zum Nachdenken: Dort wurden nämlich mit der „Arbeiterfotografie“ auch Autoren angegriffen, die bisher in Junge Welt publizieren konnten.
Schließt sich Junge Welt, wie im Artikel „Faschismus 2.0“ vorexerziert, auch im Falle der Frankfurter Auseinandersetzungen der antideutschen Lesart an, jede 9/11-Hinterfragung sei antisemitisch und müsse verboten werden? Oder weist die Junge Welt den Angriff auf den Club Voltaire und die Meinungsfreiheit zurück?


Mein Tipp: Junge Welt wird gar nix tun. Sie werden versuchen, die Frankfurter Debatte zu ignorieren und nix darüber schreiben (Obwohl ihre Frankfurter Korrespondentin ansonsten über jeden Sack Reis schreibt, der im Taunus umfällt). Morgen werden wir es wissen: Mal sehen, was Junge Welt am Montag bringt. (Vielleicht werden Sie ja, um ich als Kassandra zu überführen, doch was Vernünftiges schreiben? Diese Widerlegung sollte mich freuen.)


So, jetzt kommt der Beitrag aus „Mein Parteibuch“ und unten aus Indymedia der Beitrag eines Lesers, der das Geschreibsel des Anführers der „linken“ SA zerpflückt:
———
Vollständiger Beitrag ist hier.


(…) Es gab draußen vor dem Club Voltaire massive Proteste von Leuten, die sich als “links” verstehen, gegen die Leute drinnen, die sich auch als “links” verstehen. Die Wogen sind noch lange nicht geglättet. Die Beurteilung des Rap-Abends durch Overdose und die Rote Fahne könnte kaum unterschiedlicher sein. Bei Indymedia wird in den Kommentaren zum Bericht von Andreas Waibel von den Protesten gegen die Veranstaltung heftig gestritten. Dass so heftig gestritten wird, ist kaum verwunderlich, prallen doch die Ansichten innerhalb der Linken zu zumindest drei auf diesem Kulturabend dort angeschnittenen Themenbereichen besonders heftig aufeinander: “9/11″, “Israel” und die “Abgrenzung nach rechts”.
Der Club Voltaire, der sich als Ort versteht, der kontroverse Themen innerhalb der Linken aufgreifen will, hat damit einer wichtigen Diskussion innerhalb der Linken die Tür bereitet. Es wäre zu begrüßen, wenn diesbezüglich nun innerhalb der linken mit Veranstaltungen nachgelegt würde, die zu diesen Themenkomplexen sachliche Diskussionen von Vertretern der unterschiedlichen Sichtweisen zu diesen hochkontrovers gesehenen Themen ermöglichen, die nicht darauf abzielen, die jeweiligen Vertreter der jeweils anderen Sichtweise niederzubrüllen oder sonstwie zum Schweigen zu bringen, sondern darauf abzielen, den Vertreter der jeweils anderen Sichtweise mit Argumenten zu überzeugen und das Publikum zu informieren. Wenn der Club Voltaire nun nachlegen würde, zum Beispiel mit Podiumsdiskussionen von Menschen, die sich zu diesen kontroversen Themen nicht niederbrüllen, sondern wohlüberlegte Argumtente austauschen.
Bei einer Veranstaltung zu 9/11 könnte man beispielsweise auf der einen Seite mal die in Düsseldorf lebende Annie Machon mal für die Seite der Befürworter einer neuen Untersuchung einladen und für de andere Seite der Diskussion bei jemandem wie Bernd Merling aus Mannheim anfragen, der die offizielle Darstellung der Eriegnisse von 9/11 für im Prinzip korrekt hält.
Bei einer Veranstaltung zum Thema Israel könnte man beispielsweise mal bei Abraham Melzer aus Neu-Isenburg für die Seite derjenigen anfragen, die die Politik Israels heftig kritisieren, und auf der anderen Seite jemand wie Petra Pau einladen, die sich als eine der Erstunterzeichner des von der DIG unterstützten Aufrufes “Stop the Bomb” klar als Unterstützerin einer israelischen Sichtweise positioniert hat.
Für das Thema “Abgrenzung nach rechts”, dass durch das Entstehen von Bewegungen wie der weltweiten 911-Truth-Bewegung neue Aktualität erhalten hat, könnte man zum Beispiel auf der einen Seite mal bei Michael Opperskalski von Geheim! – wo es kürzlich einen Artikel zum süßen Gift der Querfront gab – anfragen, und für die andere Seite mal beim ehemaligen ND-Autoren Jürgen Elsässer anfragen, dessen Sichtweise sich in etwa dadurch auszeichnet, dass er eine Generation 911 iähnlich wie die Grünen vor zwanzig Jahren n der Entstehung begriffen sieht, deren Kritik an den Verhältnissen die bisherigen klassischen Gegensätze zwischen linken und rechtem Widerstand mehr oder weniger obsolet macht.
Sollten solche Podiumsdiskussionen mit argumentativ starken Personen ihrer Denkweisen besetzt sein und auf Video aufgezeichnet und ins Internet gestellt werden, dann könnte letztlich die gesamte Linke durch den heftigen Streit um den jüngsten Kulturabend im Club Voltaire an Klarheit gewinnen. Und auch der Club Voltaire könnte gewinnen, denn Interesse gibt es an den oben genannten Themen, wie die heftigen Auseinandersetzungen zeigen, reichlich.

Indymedia-Debatte ist vollständig hier ——————-


– „Die Stimmung war offen und diskussionsfreudig.“

Waibel, da scheinst du ja unter starken Wahrnehmungsproblemen zu leiden. Vor dem Club Voltaire versammelte sich ein hysterisierter Mob, eine Mischung aus Frankfurter Antideutschen, aus Poplinken und aus ein paar Mitgliedern von Antifagrüppchen und der Linkspartei, der jedweder rationalen Diskussion aus dem Weg gehen wollte. Stattessen wurde reichlich gehetzt und gegeifert.

– “Die meisten Mitglieder der CV hatten sich jedoch innen verbarrikadiert und kamen nicht raus.“

Waibel, Barrikaden gab es nicht, die Türen waren offen, so offen, dass es dem Mob sogar gelang, die Frau an der Kasse zu schlagen und die Kasse (vorübergehend?) zu stehlen. Diejenigen Referenten die vor den Club kamen, um mit euch zu reden, wurden vom Mob niedergebrüllt und bedroht.

– „Zwei Leute durften rein, einen Redebeitrag halten, der jedoch sofort niedergebrüllt wurde. Diskussionsbereitschaft war an diesem Abend außen vorhanden, innen aber offensichtlich nicht.“

Waibel, was schreibst du da? Es kamen zwei Frauen und ein Mann herein und betraten die Bühne. Die beiden Frauen hielten ein großes Transparent vor sich selbst und den klein geraten Redner und zwar derart, dass man von allen dreien nichts sah. Der Mann hielt ein Megafon und brüllte irgendwelche Parolen. Das nennst du „Redebeitrag“? Das Angebot, sich an der Diskussion zu beteiligen schlugen diese Leute natürlich aus – sie waren nur an ihrem hysterischen Auftritt interessiert.

– “Es ist also nichts schlimmes passiert, es war eine politische Auseinandersetzung unter Linken.“

Waibel, Leute, die den Club Voltaire „angreifen“ und die sich einer rationalen Diskussion während der Veranstaltung mit den Referenten entziehen wollen und stattdessen als Mob auftreten, würde ich als lediglich besonders widerliche Exemplare der Linken bezeichnen.

Die Veranstaltung konnte übrigens mehr oder weniger planmäßig durchgeführt werden, eine wesentliche Störung durch den Mob konnte verhindert werden. Ich selbst bin der Meinung, dass der Club Voltaire schon viel bessere Veranstaltungen anbot und ich mit ziemlich vielen Beiträgen von „Arbeiterfotografie“ und „Bandbreite“ nicht einverstanden bin.

Allerdings habe ich kapiert, was Meinungsfreiheit eigentlich bedeutet, gerade auch bei Auseinandersetzungen unter „Linken“, und wie sinnvoll es ist, mit denjenigen direkt zu diskutieren, die man kritisieren möchte, anstatt sich irgendwo aufzubauen und sich aufs Niederbrüllen zu konzentrieren, aber das, Waibel, dürfte dir und deinen neuen Freunden (den ohnehin) vollkommen unverständlich sein.

Mein Name ist Mensch

13 Kommentare »

  Commander Morgaine wrote @

Noch mal für Doofe wie mich:
Ich lese hier nichts davon, dass es auch in Israel eine kapitalismusikritische Bewegung gibt. Oder in den USA. Oder der Türkei. Habe ich da was übersehen?

  gecko wrote @

Was soll das Scherben-Zitat? Rio Reiser würde sich im Grab rumdrehen, wenn er wüsste, dass konservative Kapitalfans wie Elsässer ihn zitieren.

  Stephan Steins wrote @

Kurz zur Info: Ich habe bei indymedia Herrn Waibel wie nachstehend zur Distanzierung aufgefordert:

Sehr geehrter Herr Waibel,

Ihre Darstellung der Ereignisse ist gelogen.
Die ca. 30 aktiven Personen vor dem Club Voltaire waren weder friedlich noch diskussionsbereit.

- Der Zugang zum Club Voltaire wurde immer dann gewaltsam blockiert (durch Personen und robuste Sperrplane), wenn die physisch stärkeren Teilnehmer der Veranstaltung wieder drinnen waren

- Zahlreiche Besucher wurden am Zutritt gehindert, unter Gewaltandrohung, Wegschubsen und übelsten Diffamierungen als Antisemiten und Faschisten. Ein Teil, vor allem ältere Menschen, liess sich so vertreiben und in ihrem demokratischen Recht politischer Artikulation beschneiden

- Nur wegen der mangelnden Kräfteverhältnisse, Ihre Truppe war physisch zu schwach, kam es nicht zu Schlimmerem und konnte ein Versuch der gewaltsamen Stürmung des Clubs abgewendet werden

- Die Kassiererin am Eingang, eine ältere Genossin, wurde niedergeschlagen und ihr die Kasse geraubt

- Die Rap-Gruppe Bandbreite und der jüdische Menschenrechtler Elias Davidson wurden im Vorfeld auch schriftlich bedroht

- Der Herausgeber der Roten Fahne wurde von einem Antideutschen mit den Worten bedroht: „Wir wollen dich hier in Frankfurt nicht, das nächste mal können wir dich auch umbringen“

Falls dieser Ablauf so nicht ihrer Absicht entsprach, so fordere ich Sie hiermit auf, sich öffentlich und glaubhaft von diesen, an übelste Zeiten faschistischer Vorbilder erinnernde, Gewalttaten zu distanzieren.
Tun sie dies nicht, werden wir weiterhin davon ausgehen, dass die Vorfälle von Ihnen gewollt waren und Ihrem Verständnis von Politik entsprechen.

Gez. Stephan Steins

  ronin 16 wrote @

Diffamierung
Beleidigung
Anstiftung zur Straftat
Einschüchterung
Rufmord
Körperverletzung
Diebstahl bzw. Raub
Morddrohungen

Kein schlechter Schnitt für einen Abend, einer kleinen, linken Veranstaltung und einem Häufchen auf links getrimmte, gewalttätige Faschisten. Die „neue SA“ passt schon.

Das jedoch wird die Bildung einer Volksfront nur beschleunigen und stärken.

  Commander Morgaine wrote @

Finde ich gut, dass sich eine Front der sozialen Gerechtigkeit bildet, die international vernetzt arbeitet, und die sich nicht sprengen lässt durch nationalen Chauvinismus, der als Spaltungspilz benutzt wird.

  Sixty wrote @

Der „Jungen Welt“ geht es vor allem darum, die „linkalternative“ Variante der „Political Correctness“ hoch zuhalten … und das heißt, vorrangig auf Personen wie Jutta Ditfurth, Ulla Jelpke, Ströbele, vielleicht auch Ebermann und Trampert und Co. (egal ob innerhalb oder außerhalb der Linkspartei) und die durch sie repräsentierten Inhalte (vor allem „Multikulti“, „Bürgerrechte“ und „Anti-AKW“, garniert mit einigen „linksradikalen“ Sprüchen) zu setzen.
Das schließt natürlich nicht aus, daß auch mal Artikel mit anderer oder sogar entgegengesetzter Tendenz erscheinen … die sind aber eher die Ausnahme.

  uhu wrote @

@ Stephan Steins

Danke für die Info, ihr Engagement und die Artikel!

Liebe Leute, das sind zig Straftatbestände und eine Anzeige gegen Andreas Waibel & seine neue SA wäre dringend vonnöten! Wehret den Anfängen!!!

  Sixty wrote @

http://www.mein-parteibuch.com/noreferer.php?http://blog.prinz.de/wahl09/2009/09/13/%c2%bbwarum-oskar-lafontaine-kein-sozialist-ist%c2%ab/

Diese dummdreiste Anti-Lafontaine-Polemik der „Sozialistin“ Jutta Ditfurth spricht ja wohl für sich und zeigt einmal mehr, um was für Leute es sich bei den Lieblings-(West-)Bündnispartnern der „Jungen Welt“ handelt.

  me. wrote @

@ Sixty :

‘Fakten sind Terror im täglichen Irrtum’

Don’t worry, go Schmickler ;)

  Benjamin Schett wrote @

In Kanada wird mit „Global Research“ eines der wichtigsten kritischen Internetmedien überhaupt betrieben. (globalresearch.ca)
Dieses vom bekannten linken Ökonomen Michel Chossudovsky gegründete Netzwerk publiziert selbstverständlich auch Beiträge, die viele Linke in Europa als „Verschwörungstheorien“ denunzieren würden. (9 / 11, Bilderberg, Schweinegrippeimpfung etc.) schade, dass es diesen Pluralismus bei den westeuropäischen Linken meistens nicht gibt…

  Interessanter Beitrag wrote @

Die neue Cyber-Rechte
„Infokrieg“ im Internet: Ein populistischer Kleinbürgeraufstand

Das Internet hat in den letzten zehn Jahren die gesellschaftliche Kommunikation erheblich verändert. Es hat zum einen das Informationsmonopol der Medien des Staates und Kapitals gebrochen. Die Blogger-Szene fordert den professionellen Journalismus heraus. Zum anderen erfreuen sich „soziale Netzwerke“ zum Knüpfen von Bekanntschaften und Austausch von Meinungen wachsender Beliebtheit (siehe Themenseiten in ak 541 und den Artikel von Armin Medosch in ak 542). Diese Möglichkeiten machen sich reaktionäre und obskurantistische Gruppierungen mannigfacher Art zu Nutze. Im „Infokrieg“ verbreiten VerschwörungstheoretikerInnen populistische Botschaften. AntisemitInnen und FaschistInnen sind mit von der Partie.

Facebook, MySpace, StudiVZ … – für die junge Generation gehören solche virtuellen Gesellschaftsportale inzwischen zum Alltag. Auch das „Bloggen“ ist populär geworden. Für die Technologien, die inzwischen einer breiten Masse von NutzerInnen auf einfachste Weise die interaktive Teilnahme an solchen Informationsnetzen ermöglichen, hat sich die Bezeichnung „Web 2.0″ eingebürgert. Die Kehrseite der Medaille ist: Auch Leute, die im realen Leben aus guten Gründen Außenseiter bleiben, finden hier ihre zweite Chance. Wer im Web 2.0 unterwegs ist, begegnet nicht selten Personen, die mit missionarischem Eifer als kritische und unangepasste ZeitgenossInnen mit „eigener Meinung“ auftreten und allerhand Besorgnis erregende Themen von Finanzkrise bis Schweinegrippe aufgreifen, zu denen sie „unabhängige Informationen“ mitteilen, die von „den Herrschenden“ verschwiegen würden.

Verwiesen wird dabei auf Quellen im Internet, die angeblich „unzensierte Nachrichten“ und „freie unabhängige Meinungen“ vermitteln. Sie tragen Namen wie Infokrieg TV, Alles Schall und Rauch, Politik Global, Secret TV, Wahrheitsbewegung oder gar Radio Utopie. Unter dem Schlagwort „Infokrieg“ hat sich ein virtuelles Milieu entwickelt, das behauptet, für „Bürgerrechte“ und „Informationsfreiheit“ einzustehen. Die politische Tendenz dieser Bewegung ist für unbefangene LeserInnen schwer zu erkennen: Standard ist im Infokrieg-Milieu die Auffassung, der Gegensatz von „links“ und „rechts“ sei überholt, wesentlich sei vielmehr der Gegensatz zwischen „Mainstream“ und „unabhängigem Denken“.
Das virtuelle Milieu der VerschwörungstheoretikerInnen

Dieser in sich vielfach widersprüchliche „unabhängige“ Informationsfluss, der in erster Linie Verschwörungstheorien transportiert, unterliegt natürlich keiner zentralen Steuerung. Aber es gibt einflussreiche Hintermänner, die politisch eindeutig rechts stehen, und zu den Nutznießern, die sich in dieses „alternative“ Milieu einklinken, gehören auch Neonazis, die aus den Infokrieg-Quellen schöpfen und versuchen, sich in diesem Umfeld zu profilieren. Kernelemente der Infokrieg-Ideologie eignen sich bestens als Einstiegsdroge zur rechtsextremen Politisierung.

Die typische Themenpalette reicht von verschwörungstheoretischer „Globalisierungskritik“, Enthüllungen über das geheime Wirken der „Hochfinanz“, Darstellung der Anschläge vom 11. September 2001 als inside job von US-Geheimdiensten, Leugnung von Klimawandel und Energiekrise, Behauptungen über „Chemtrails“ – angeblich versprühen Flugzeuge Chemikalien, um das Klima zu manipulieren oder die Bevölkerung zu schädigen (1) – bis hin zu Gesundheitsthemen aus der Sicht der „Alternativmedizin“ und zu Esoterik und Pseudowissenschaft. Beispielsweise wird Skepsis gegen Schutzimpfungen als vermeintliches Verbrechen von „Schulmedizin“ und „Pharmalobby“ geschürt. Weit verbreitet ist die Forderung nach Entmachtung der Finanzeliten durch Rückkehr zur Goldbindung der Währung.

Die Bewegung der „Wahrheitskämpfer“ (truthers) stammt aus den USA, wo der durch seine Verschwörungstheorien zum Thema „9/11″ bekannt gewordene Journalist Alex Jones starken Einfluss ausübt. Jones, der sich selbst „libertär“ nennt, gehört der altkonservativen Strömung der US-Rechten an, die in einem Interessengegensatz zu den mächtigen, in den Jahren der Bush-Administration tonangebenden Neokonservativen steht. Gegen den imperialistischen Globalismus der Neocons setzen die Paleocons auf ein eher selbstgenügsames, gegen das Einsickern „sozialistischer“ Ideen aus Europa geschütztes Amerika im Geiste der Gründerzeit, gestützt auf Familie, Tradition, Religion, Recht auf Waffenbesitz, mit möglichst wenig zentraler Staatsmacht, gegen den Einfluss von „Intellektuellen“, die das „christliche Menschenbild“ untergraben, gegen die Machtkonzentration von Finanzinstitutionen, Konzernen und Geheimdiensten, gegen supranationale Strukturen. Gegen Bushs erwiesenermaßen auf Lügen gestützte Kriegspolitik hat sich hier eine Opposition von ganz rechts formiert, der Obama genauso verhasst ist wie sein bigotter Vorgänger.

Alex Jones glaubt fest an ein heimtückisches Komplott geheimer Eliten in Wirtschaft, Politik und Geheimdiensten zur Errichtung einer „Neuen Weltordnung“ mit dem Ziel allgemeiner Versklavung. Dabei kann ihm wenigstens noch zugutegehalten werden, dass er kein Antisemit ist – was einige Verbündete vom rechten Rand ihm ankreiden. Auch hält Jones nichts von Esoterik. Das hindert seine deutschen Statthalter nicht daran, auf Infokrieg TV Werbung für den auf Verschwörungstheorien und Hokuspokus spezialisierten Kopp-Verlag zu machen. (2) Dessen Vertriebsprogramm umfasst auch Schriften aus dem Bereich der „braunen Esoterik“. Die wichtigste Internetplattform dieser Szene heißt Secret TV, betrieben von dem Geschichtsrevisionisten und Antisemiten Jan Udo Holey (alias Jan van Helsing).
Querfront im Schlepptau der Gemüsetruppe

Eine erfolgreiche, breit rezipierte Koproduktion von Kopp-Verlag und Secret TV mit dem Scientology-Verein „Neue Impulse“ ist der auf einer älteren Vorlage eines australischen Autors beruhende Trickfilm „Fabian – Gib mir die Welt plus fünf Prozent“. Er soll die ökonomische Lieblingsdoktrin dieses Milieus veranschaulichen: die Kritik der „Zinswirtschaft“ als Ursache allen Übels. Ein gieriger Goldschmied namens Fabian erfindet das Geld, um die bis dahin aus rechtschaffenen BürgerInnen bestehende Gesellschaft der Zinsknechtschaft zu unterwerfen und skrupellos auszubeuten. Das Kreditwesen wird nicht als Element der auf der klassenmäßigen Ausbeutung der Arbeitskraft beruhenden kapitalistischen Mehrwertproduktion erklärt, sondern als Resultat übler Machenschaften dämonisiert. Dass der Film das, was er verdeutlichen will, zugleich ad absurdum führt, indem er eine entwickelte Bürgergesellschaft vorgaukelt, die auf einfachem Warenaustausch beruht, bevor sie von fiesen Geschäftemachern versklavt wird, scheint schlichte Gemüter nicht zu stören. Auch NPD-AktivistInnen haben dieses Video verbreitet.

Zu den verschrobensten und doch populärsten Infokrieg-Agenturen im deutschsprachigen Raum gehört die in der Schweiz ansässige Blog-Plattform Alles Schall und Rauch. Hinter dem sich „Freeman“ nennenden Betreiber steht laut einem von ihm zustimmend zitierten lokalen Pressebericht eine offensichtlich sektenhafte Gruppe, die zur Selbstversorgung Gemüse anbaut und dies als revolutionären Widerstand propagiert. Im öligen Predigerton erfahren wir hier, wie eine geheime Weltelite ihren „großen Plan“ zur Verdummung und Knechtung der Menschheit umsetzt – und wie eine kleine Schar von Eingeweihten der schlechten und verdorbenen Welt trotzt.

Aufschlussreich sind die Kommentare der LeserInnen: Im Schlepptau der Gemüsetruppe formiert sich spontan eine Querfront von verschwörungstheoretisch angehauchten AntiimperialistInnen bis hin zu Holocaust-LeugnerInnen. Ein überdurchschnittlich gebildeter Kommentator empfiehlt die Rückbesinnung auf die „Vorstellungswelt der traditionalen vorindustriellen Gesellschaften, die auf einer harmonischen Ordnung, auf einem Einklang von Mensch, Gesellschaft und Natur mit dem göttlichen Schöpfungsakt basierte“. Andere lieben es schnörkellos: „Demokratie ist die schlimmste Herrschaftsform aller Zeiten“ und „Herrschaft des Geldadels“. Aus „Mitteldeutschland“ wünscht jemand „viel Liebe und Licht euch allen“. Die Schall-und-Rauch-Gruppe versucht inzwischen, dieses Publikum über Konferenzen und Stammtische zu sammeln.

Durchweg ist zu beobachten, dass SchreiberInnen neonazistischer und völkischer Plattformen wie Altermedia oder Forum Germanicum die Nachrichten von der Infokriegerfront aufmerksam verfolgen und weiterleiten. Das gilt selbst für die Botschaften von CyberkriegerInnen mit „linkem“ Selbstverständnis. Die MacherInnen von Radio Utopie etwa distanzieren sich von Rassismus, Antisemitismus und Neonazis, aber ihre Propaganda gegen „Globalisten“ und „EU-Junta“, „Parteiendiktatur“ und „Systemmedien“ teilt das im Kern rechtspopulistische Gesellschaftsbild des Milieus: Kritisiert wird nicht eine auf allen Ebenen von Widersprüchen durchzogene Klassengesellschaft, in der gesellschaftliche Produktion und private Aneignung, Rationalität und Partikularinteressen kollidieren, Konflikte ausgetragen und Koalitionen gebildet werden, sondern angeprangert wird eine „Elite“, die das „Volk“ lückenlos betrügt und manipuliert. Und im hermetisch geschlossenen Weltbild der VerschwörungstheoretikerInnen sind alle, die ihnen widersprechen, selbst AgentInnen der Verschwörung oder des „Mainstreams“.
Zwergenaufstand eines frustrierten Kleinbürgertums

Soziologisch lässt sich der Infokrieg klar auf den Begriff bringen: als Zwergenaufstand eines frustrierten und verstörten Kleinbürgertums gegen die großen Machtzusammenballungen des globalisierten Spätkapitalismus. Die „Utopie“ dieses Milieus ist die rückwärts gewandte Vorstellung von einer Gesellschaft von KleinproduzentInnen, mit Privateigentum und Marktwirtschaft ohne die Dominanz von Banken und Konzernen. Diese Kleinbürger-Utopie (zu deren historischen Modellen etwa die „Freiwirtschafts“-Theorie von Silvio Gesell zählt) lässt sich mit verschiedenen Inhalten füllen: von der Subsistenzwirtschaft der Schweizer Landkommune über Wertanlagen in solidem Gold statt Finanzspekulation bis hin zu volksgemeinschaftlichen und antisemitischen Konzepten. Bei der Benennung der Sündenböcke, denen die Zerstörung der heilen Welt angelastet wird, spielen die einfältigsten Teile der Szene das alte Potpourri: „Zionisten“, „Freimaurer“, „Illuminaten“. Ansonsten gelten CIA und Mossad, „Hochfinanz“ und Pharmaindustrie als Strippenzieher einer „Weltdiktatur“, die uns alle restlos entrechtet – und doch ihre KritikerInnen erstaunlich unbehelligt gewähren und in Ruhe ihre Bio-Tomaten ernten lässt.

Bemühungen um Aufklärung über das Gebräu aus Kleinbürger-Populismus und völkischem Antiglobalismus, „Chemtrail“-Theorien und naturheilkundlicher „Impfkritik“ gehen von unterschiedlichen Ansätzen aus. In der Esowatch-Enzyklopädie (www.esowatch.com) und im Forum Grenzwissen (forum.grenzwissen.de) engagieren sich seit Jahren Menschen mit hoher naturwissenschaftlicher Kompetenz für die Entkräftung des in der Infokrieg-Szene grassierenden pseudowissenschaftlichen Unsinns. Eine neue politische Initiative ist „Faschismus 2.0″ (www.faschismus2.de).

Dass dieser neue Cyber-Populismus im realen Leben eine gefährliche politische Bewegung hervorbringen könnte, steht kaum zu befürchten, weil die einschlägigen Konzepte dafür zu wirr und irrational sind. Aber der ungute Einfluss auf eine politisch naive, nicht mehr von Traditionen realer sozialer Bewegungen geprägte Bloggerszene ist spürbar. Die Unterwanderung der neuen „sozialen Netzwerke“ durch Infokrieg-PropagandistInnen stiftet Verwirrung und hält manch verunsicherte ZeitgenossInnen davon ab, vernünftige Wege kritischer Analyse und sozialer Opposition gegen die objektive Irrationalität unserer Krisenzeit zu suchen.

Henning Böke

Anmerkungen:

1) Zu diesem Thema hat die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag mehrere Anträge gestellt.

2) Ungeachtet seines strammen Antikommunismus bietet der Kopp-Verlag inzwischen einem in linken Kreisen prominenten Irrläufer Obdach: Der zur Karikatur seiner selbst abgesunkene Möchtegern-Volksfrontpolitiker Jürgen Elsässer schreibt für ihn Internet-Kolumnen. Elsässers „Volksinitiative gegen Finanzdiktatur“ strebt den Aufbau gemeinsamer Stammtische mit verschiedenen Infokrieg-Gruppen an.

  Lohengrin wrote @

Ich war zufällig an jenem Abend in der Nähe von Frankfurt, und habe die Gelegenheit genutzt, die Freiheit, Zivilisation, Aufklärung, … zu verteidigen.

Die Antideutschen (und ihr Umfeld) kannte ich bereits von verschiedenen Anlässen als dumme verführte Masse. Dass die auch als Schlägertrupp eingesetzt werden können, war mir klar.

Als ich eine halbe Stunde vor der Veranstaltung in den Club Voltaire gehen wollte, standen schon etwa 30 abschreckend wirkende Leute (wie die Faschos, die ich vor etwa 10 Jahren in Magdeburg gesehen habe) vor der Tür und verteilten Flugblätter. Das hat sicherlich viele Leute davon abgehalten, in den Club Voltaire zu kommen.
Eine halbe Stunde nach Beginn der Vorstellung, kamen die Typen dann rein. Danach rief jemand, dass sie die Kasse geklaut haben. Wojna war da schon dabei, jemanden (die Polizei?) anzurufen. Dann kamen ein paar SA-Leute rein, und erklärten, dass sie nichts mit den Leuten, die die Kasse geklaut hätten zu tun hätten, und dass sie die nicht kennen würden.
Da die Situation ruhig gehalten werden konnte, wurde niemand zur Hilfe geholt.
Die Kasse zu rauben, war mMn ein Trick. Wäre die Polizei gekommen, dann hätte sie den SA-Auflauf wohl nicht aufgelöst, denn der hatte ja nichts mit dem Raub zu tun.
Dann haben drei SA-Leute vorne hingestellt, ein Plakat hochgehalten, und ihren Sermon durchs Megafon gebrüllt. Diskutieren wollten sie nicht. Dabei waren noch mehrere SA-Leute im Lokal, die aggrassiv darauf geachtet haben, dass niemand sie fotografiert. Dann entschwanden sie.
Während dieser Aktion verließen einige Gäste verängstigt das Lokal.
Wojna begann danach sein Lied „Der Antideutsche“ zu singen, brach das aber auf Wunsch mehrerer ab, um die Situation nicht unnötig zu eskalieren.

MMn war dieser Mob vor der Tür das Gleiche wie die NPD: Ein Haufen dummer verführter Leute mit einer psychologisch geschulten Führung aus Leuten von BND oder ähnlichem.

  Lohengrin wrote @

Etwa gegen zehn Uhr diskutierte eine Frau mit Davidson und Melzer darüber, ob die Antideutschen als ‘wie die SA’ bezeichnet werden dürfen. Als die Davidson und Melzer aber auf ihrem Standpunkt beharrten, brach die Frau in Tränen aus, sagte, ‘Ich habe einen Onkel (?), der von der SA umgebracht wurde.’ und verließ den Club Voltaire. Jemand (der Mann von Rote-Fahne?) sagte ihr noch ‘Das haben andere auch.’.

Ich bin froh darüber, dass diese Sache jetzt endlich mal bei den Linken diskutiert wird. Hoffentlich verschwindet diese Sache jetzt nicht wieder unter dem Teppich.


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