Linksfaschismus
Zu den Brandstiftungen in Berlin – und ein Nachschlag zu Teheran
Die Linke zeigt in Berlin ein doppeltes Gesicht: Da sind zum einen die tollen Proteste der Schüler und Studenten und vor allem die gestrige Bankenaktion: Als “Banküberfall” angekündigt, gab es Demos vor etlichen Bankfilialen mit dem Höhepunkt vor der Hypo Real Estate, wo 700 Leute blockierten. Das sind Aktionsformen, die in der Bevölkerung auf Sympathie rechnen dürfen und vor allem inhaltlich eine erfreuliche Zuspitzung haben: gegen das Finanzkapital und gegen die staatlichen Milliardengeschenke an die gierigen Banker. Weiter so!
Auf der anderen Seite gibt es Aktionen von Teilen der autonomen Szene, die in der Bevölkerung zu Recht verhasst sind: Jeden Tag wird ein Auto angezündet. Seit Jahresbeginn brannten ungefähr 170 Wagen, in jedem Stadtteil, in jeder Preisklasse. Höhepunkt war vor zwei Tagen, als 10 Lieferwagen abgefackelt wurden, die Essen an Altenheime und Kindertagesstätten bringen. Das Werk von Kriminellen, die sich als Linke tarnen. Steilvorlagen für die Protagonisten eines Polizeistaates.
Dazu schrieb ich schon vor einigen Tagen auf diesem blog:
„Demgegenüber halte ich fest, dass solche Kriminellen mit links NICHTS zu tun haben und in JEDEM sozialistischen Staat in den Bau gekommen wären. Bißchen Uranerz kloppen in Wismut/Aue. Bißchen Schneeschippen in Sibirien.“
Daraus macht dann ein gewisser Bernhard Schmid im Internet-Portal infopartisan, ich hätte den Berliner Autonomen Zwangsarbeit a la Stalin an den Hals gewünscht. So wird Hetze getrieben! Es geht mir nicht um die Autonomen an sich, deren Positionen ich scharf ablehne, die aber selbstverständlich das Recht wie alle anderen in diesem Land haben, ihre Meinung zu vertreten, dafür zu werben und sich zu organisieren. Aber wenn die Schwelle zur Gewalt überschritten wird, muss der Gesetzgeber eingreifen. Dass die früheren sozialistischen Staaten das in diesem Fall mit Härte getan hätten, unterliegt keinem Zweifel.
Hauptteil des Artikels auf Infopartisan ist dann die schäumende Polemik gegen Positionen zum Iran, wie sie von mir und – weitaus weniger zugespitzt – vom junge Welt-Autor Jürgen Cain Külbl vertreten wurden. Über den Stil des infopartisan-Autors mögen die Leser urteilen. Aber die Grenze überschritten wird, wenn am Schluß des Beitrages dazu aufgerufen wird, Külbl und mir “die Fresse zu polieren”. Das ist, Habermas hatte grade Geburtstag!, Linksfaschismus. Und es ist von bizarrer Widersprüchlichkeit: Einerseits beklagt man, nicht nur mit schlechten Argumenten, die Unterdrückung von Dissidenz im Iran – andererseits würde man selber am liebsten dissidente Meinungen mit Gewalt beseitigen, selbst wenn sie, wie bei Külbl und mir, in einem linken Kontext formuliert werden.
Mit jedem brennenden Auto werden diese linksfaschistischen Strömungen in Berlin stärker. Und eine Schande ist, dass sich die Linkspartei und die Grünen zwar von den kriminellen Aktionsformen distanzieren – aber das Bündnis mit den autonomen Kräften, die sie vorantreiben, keineswegs aufkündigen.









<a
Juni 19, 2009 at 11:46
Über den Stil des Herrn Schmid muss man wohl nichts mehr sagen, der spricht für bzw. gegen sich.
Was das “Fresse-Polieren” angeht, so haben andere Website-Betreiber schon wegen weitaus harmloserer Aussagen eine Anzeige an den Hals bekommen, das könnte man nämlich durchaus als Aufruf zu Gewalt verstehen!
Ansonsten: Negativ-Werbung ist auch eine Werbung, insofern weiß ich nicht, ob Herr Schmid sich da einen Gefallen getan hat. Ich würde es durchaus als Bestätigung sehen.
Juni 19, 2009 at 12:12
Jürgen, es interessiert sich doch keiner dafür, was du “vor ein paar Tagen” oder “vor zwei Jahren da und dort” geschrieben hast. Und zu dem Punkt mit “die autonomen Aktionen sind bei der Bevölkerung verhasst”: du kommst nicht aus Berlin oder? Wenn ja, dann frequentierst du wohl die falschen Kreise, was bei den konservativ-bürgerlichen Inhalten hier auch nicht verwundert. Im Kiez sieht es da ganz anders aus.
Kommunismus statt kapitalgeilem Standortnationalismus ala Elsässer.
Juni 19, 2009 at 13:14
Guter Beitrag, Elsässer. Allerdings hattest Du dieser Tage m.E. mit dem Discomiezen-Darkroom-Spruch auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritten.
Juni 19, 2009 at 13:27
Der Artikel von Bernhard Schmid besticht vor allem durch seine atemberaubende Naivität. Da wird tatsächlich suggeriert, Ahmadinedschad persönlich habe die schlechte Menschenrechtslage im Iran herbeigeführt und die Hinrichtungen und Steinigungen persönlich angeordnet. Ausgeblendet wird dabei, dass die letzte Instanz im Iran der Wächterrat ist, den auch Mussawi nicht abschaffen will.
Nun sollten wir doch jetzt alle wissen, dass Mussawi kein unbeschriebenes Blatt ist, sondern bereits von 1981 bis 1989 Premierminister war. Wie sieht denn seine Menschenrechtsbilanz aus? Als Premierminister hat er die von Chomenei angeordnete Verfolgung und Hinrichtung von Regimegegner komplett mitgetragen! Kann man von so einem Mann eine Verbesserung der Menschenrechtssituation erwarten? Nur weil er jetzt Prowestlich ist? Erstens ist Mussawi nicht gegen das Regime im Iran. Zweitens ist die Menschenrechtssituation von prowestlichen Regimen in der Region kein Stück besser. Man denke an Saudi-Arabien oder Ägypten wo Mubarak seit fast 30 Jahren mit Notstandsgesetzen herrscht.
Das ist das Ergebnis, wenn man politische Analyse durch moralische Empörung ersetzt. Leider in der Linken weit verbreitet und vollends unerträglich, wenn sie sich auch noch in den Dienst des westlichen Imperialismus stellt.
Und die sinnlose Gewalt trägt nur zur Diskreditierung der Radikalen Linken bei, auch das hat Bernhard Schmid nicht verstanden.
Juni 19, 2009 at 19:12
Ich kann das nur bestätigen: nach Rostock z. B. sind eher unpolitische Heinis mit Erbsenhirn und dicken armen gefahren, um sich mit den Cops zu schlagen und die ganze Sache zu hintertreiben.
@Zensurjürgen: das ist Quatsch! Als ob im F’hain oder X-berg die anderen, die sich keinen Cayenne o.ä. leisten können, hämisch grinsend um die brennende Kiste stehen?! Auch kleine, seltene erwischt es. Das schafft Angst, Hass, und die Versicherungen sind seit den 80ern dabei, Brandstiftung als höhere Gewalt einzustufen, der ehem. Besitzer geht leer aus.
Juni 19, 2009 at 20:14
@ “Josef St.”
der Kommentar über Rostock ist Banane.
Die Helden von Rostock waren zwischen 17 und 27 Jahren und in der Mehrzahl peacige Menschen die sehr wohl umgetrieben waren von einem Verständnis der Globalen Zusammenhänge.
Diese Zusammenhänge konnten in den Camps und außerhalb der Camps in Formen von Vorträgen und Arbeitstreffen fundiert erörtert werden.
Das nächste Mal einfach Zelt und Schlafsack einpacken und im nächsten “Barrio” einloggen.
grüsse
Juni 20, 2009 at 10:32
@zensurjürgen
Ich, der ich 1968 im Alter von vier Jahren nach Kreuzberg gezogen bin, und da bis vor zehn Jahren lebte – inzwischen noch 5 Tage/Woche arbeite, kenne Deine Haltung in dem Punkt zur Genüge. Du gehörst zu den ca. 2-5% der Bevölkerung, die seit 25-30 Jahren (nicht eben stillschweigend, aber ohne das konkret sprachlich zu bekennen) beanspruchen, die einzig wirklich legitimen Einwohner zu sein. Glaubst Du, ich dachte sowas wie, “oh super, jetzt wird’s gleich schön warm hier,” als ein paar Häuser weiter Bolle brannte, und die Feuerwehr mit Steinen beworfen wurde?
Jürgen Elsässer schlägt manchmal ein wenig über die Stränge, aber das schöne daran ist, – und vermutlich auch so beabsichtigt – daß ein großes Spektrum realitätsneutraler ‘linker’ Betonhirne deswegen nicht mehr mit ihm reden will. Was jede Menge Zeit und Ärger ersparen könnte, wenn sie denn dabei blieben. – Es gehört ja leider zum vermeintlich guten Ton unter Linken, sich aufs vehementeste von allem und jedem zu distanzieren, der sich etwas weiter vom eigenen Standpunkt entfernt.
Juni 27, 2009 at 14:16
“So wird Hetze getrieben!”
Eigentlich sollte es doch so einfach sein: Aus der Zwangsarbeitsäußerung spricht der Ungeist des Antihumanismus. Und auch wenn Sie diese Maßnahmen nicht ausdrücklich fordern, so stehen sie dem doch gleichgültig gegenüber.
Mit dem Dreiklang Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht, antihumanistischer Geisteshaltung und einem krude-paranoiden Antiimperialismus ist denn auch die rot-braune Schnittmenge zwischen “Links” und Faschismus treffend umrissen.