Kommt die DM wieder?

Interview Elsässers mit Prof. Hankel für das serbische Wochenmagazin NIN


NIN ist die älteste Wochenzeitschrift auf dem Balkan und hat in Serbien dieselbe Bedeutung wie hierzulande Der Spiegel. Das Interview erschien Ende April und wurde von Nikola Zivkovic übersetzt.


“Der Euro kann so nicht überleben”

Die Defizitländer sollten im eigenen Interesse zur eigenen Währung zurückkehren. Slowenien sitzt in der Falle, Serbien kann von einer Dinar-Abwertung profitieren. Interview mit Professor Wilhelm Hankel

Wilhelm Hankel (* 1929) war unter Bundeskanzler Willy Brandt im Wirtschaftsministerium für Währungsfragen zuständiger Staatsekretär und ist derzeit Berater der Zentralbanken des Irak und Syriens

? Hat der G20-Gipfel in London die Weltwirtschaftskrise gestoppt?

Ich bin skeptisch. Es wurde die Bereitstellung von einer Billion Dollar beschlossen. Das soll die Weltwirtschaft wieder flüssig machen, ganz nach dem Motto von Adam Smith: Geld ist das große Rad der Zirkulation. Also die Bremsen der Zirkulation lösen und mit viel Geld neu schmieren? Die Rechnung ist ohne die Menschen gemacht: Wenn die angesichts der gewaltigen Aufblähung der Geldmenge das Vertrauen in das Zirkulationsmittel verlieren, dann kommt die Wirtschaft nicht in Schwung. Dann endet es wie in Japan in den neunziger Jahren, wo trotz Billionen Yen, die in den Kreislauf gepumpt wurden, die Deflation nicht überwunden werden konnte.

? Kann der Euro die Weltwirtschaftskrise überleben?

Schwerlich. Entgegen der häufig zu hörenden Unterstellung wirkt die Gemeinschaftswährung nicht als Bollwerk gegen die Krise, sondern als deren Verstärker. Zehn der 16 Mitglieder der Euro-Zone sind vollkommen überschuldet. Dabei ist deren Hauptproblem noch nicht einmal die staatlichen Schulden – obwohl in Irland und Griechenland durchaus der Staatsbankrott droht -, sondern die privaten Schulden. In der Krise verlangen die Gläubiger ihr Geld zurück, das führt zu einem massiven Kapitalabfluß vor allem aus den südeuropäischen Ländern.

? Aber wird der Euro nicht profitieren, falls es zu einer Flucht aus dem Dollar kommt?

Der Euro steht wackliger da als der Dollar. Die US-Währung hat zwei große Vorteile: Sie ist immer noch die Reservewährung Nummer eins und wird weltweit von der großen Mehrheit der Geldkapitalbesitzer als wertbeständiges Aufbewahrungsmittel geschätzt. Und damit zusammenhängend: Hinter der US-Währung steht der US-Staat. Hinter dem Euro aber steht kein Staat. Wenn der US-Staat neues Kapital braucht, bietet er auf den internationalen Finanzmärkten US-Staatspapiere an, die gerne gekauft werden, weil sie vom US-Staat garantiert werden. Aber Euro-Staatspapiere gibt es nicht, weil es keinen Euro-Staat gibt. Statt dessen bietet jedes Mitgliedsland seine eigenen Titel an, mit der Folge, daß die Defizitländer wie Griechenland, Irland, Italien diese kaum mehr absetzen können und mit desaströs hohen Zinsen locken müssen.

? Noch schlimmer sind die Lage in Ost- und Südosteuropa aus.

Die Staaten dort sind bis über die Halskrause verschuldet. Die baltischen Staaten, Rumänien, Ungarn und die Slowakei sind die ersten Bankrottkandidaten.

? Angesichts der Misere fordern nun immer mehr Politiker aus den Defizitländern, daß eine Euro-Anleihe herausgegeben wird, für die alle Mitgliedsländer gemeinsam bürgen. Durch deren Verkauf soll Kapital in die Euro-Zone gezogen werden, das dann den angeschlagenen Staaten zur Verfügung gestellt werden kann.

Wer soll eine solche Anleihe kaufen, wenn zehn von 16 der emittierenden Staaten immer tiefer ins Defizit rutschen? Die Käufer müßten damit rechnen, daß sie ihr Geld nicht mehr wiedersehen. Es sei denn, daß Deutschland als wichtigstes Überschußland der Euro-Zone dieses Gemeinschaftspapier garantiert. Der Druck wird folglich wachsen, daß Deutschland zur Stabilisierung der Euro-Zone zur Ader zu lassen.

? Ist es nicht recht und billig, dass Deutschland jetzt zur Stabilisierung der Euro-Zone Geld einschießt, nachdem es so stark vom Euro profitiert hat?

Das ist der Fluch der bösen Tat. Zunächst einmal: Nicht Deutschland hat vom Euro profitiert, sondern ein kleiner Kreis von Dax-Firmen, die im deutschen Export führend sind. Sie haben ihren Absatz in Europa mächtig ausgeweitet, nachdem der Euro eingeführt worden war und die anderen Staaten der Euro-Zone den deutschen Konkurrenzvorteil aufgrund niedriger Lohnstückkosten nicht mehr durch Abwertung ihrer eigenen Währung kontern konnten. Deswegen rutschte die Handelsbilanz der meisten Euro-Länder immer tiefer in die roten Zahlen. Aber diese gefährliche Entwicklung wurde vordergründig dadurch ausgeglichen, daß Griechen, Italiener, Spanier und andere mit dem Euro an billige Kredite kamen, mit denen sie  die hereinströmenden Importe kaufen und so fröhlich weiter konsumieren konnten. Deutschland war in der Euro-Zone der Bankier, der die anderen kreditierte, damit sie deutsche Waren kaufen konnten.

? Die Arbeitnehmer in Deutschland haben von diesem Exportboom auch profitiert.

Jedenfalls haben sie ihn  durch Lohnzurückhaltung möglich gemacht. Weil die Gewerkschaften zugelassen haben, daß die Löhne immer weiter hinter der Produktivitätsentwicklung zurückblieben, fielen die deutschen Lohnstückkosten immer tiefer, was auf den internationalen Märkten große Konkurrenzvorteile brachte. Ich habe nie verstanden, warum der DGB nicht, wie in den 50er und 60er Jahren, darauf drängte, dass die Lohnentwicklung mit dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und vor allem den ins Kraut schießenden Gewinnen Schritt halten muß.

? Sie plädieren jetzt für die kontrollierte Abwicklung des Euro. Warum?

In den hochverschuldeten Ländern der Euro-Zone steigen die Zinsen immer weiter, weil mit niedrigen Zinsen die Staatspapiere dieser Länder nicht mehr abzusetzen sind, sie sich also nicht mehr refinanzieren können. Schuldenspirale und  Bankrott können diese Staaten nur entgehen, indem sie wieder ihre eigene Währung einführen. Dann können sie über Abwertung ihre Exporte ankurbeln und Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften sowie über niedrige Zinsen die Konjunktur ankurbeln.

? Sollte Slowenien, das als einziger der Staaten aus dem ehemaligen Jugoslawien den Euro eingeführt hat, auch wieder zurück zum Tolar?

Das Beispiel Slowenien zeigt, wie falsch es war, so überstürzt der Euro-Zone beizutreten. Eigentlich würde das Land davon profitieren, wenn es wieder souverän über eine eigene Währung gebieten könnte. Andererseits: So kurz nach der Einführung der Gemeinschaftswährung wieder auszusteigen, wäre ein schwerer Schlag für die Vertrauenswürdigkeit des Staates. Jedenfalls sollte Slowenien ein warnendes Beispiel für andere sein, die jetzt auch mit einem Beitritt zur Euro-Zone liebäugeln.

? Etwa in Serbien? Viele Politiker träumen von einer raschen EU-Annäherung und –Mitgliedschaft, die dann natürlich vom Euro gekrönt werden würde.

Serbien braucht Zeit. Es ist eine zu Unrecht gedemütigte Nation, die sich auf ihre eigenen Kräfte besinnen sollte. Seine ökonomischen Voraussetzungen für eine Erholung sind so schlecht nicht, und dafür ist es gerade von Vorteil, daß es noch in Dinar rechnet. In Südostasien konnten sich die sogenannten Tiger-Staaten aus der schweren Krise 1998 rasch erholen, weil sie ihre eigene Währung dafür nutzen.

? Soll Serbien den Dinar abwerten, um die eigenen Exporte zu verbilligen und die Handelsbilanz so aus dem Defizit herauszubringen?

Das wäre ein richtiger Schritt. Ein realistischer Wechselkurs nützt der einheimischen Industrie und Landwirtschaft mehr als eine künstlich gestärkte Währung, die nicht den Produktionsdaten entspricht. Durch kontrollierte Abwertung kamen Italien und Griechenland in den sechziger Jahren aus der Krise heraus und erlebten ein kleines Wirtschaftswunder.

? Würde die Abschaffung des Euro nicht ein riesiges Chaos bringen?

Ich bin nicht für die Abschaffung! Es geht um den Umbau der Euro-Zone: Sie sollte nur noch die Länder umfassen, die, ähnlich wie Deutschland, wirtschaftlich einigermaßen solide sind. Zwischen ihnen sollte der Euro als Verrechnungseinheit dienen, so wie früher der Ecu, während als Zahlungsmittel nationales Geld fungiert. Wechselkurse und Zinsen könnten in einer gewissen Bandbreite den Erfordernissen der jeweiligen Länder angepaßt werden.

Interview: Jürgen Elsässer


  1. Edeltraud Lademann (ela)

    Danke für all die aufklärerischen Artikel, Bücher etc. und Kommentare der Mitstreiter.Hier mein Teil zur exzessiven Geldmaschinerie: Der Kapitalismus/Kannibalismus mit seinem exzessiven Geld gibt immer mehr sein Innenleben preis. Sein “Verdauungsvorgang” endet mit Vernichtung. Dagegen seht Euch die Wattwürmer an, die haushalterisch, also ökologische Haufen produzieren. Interessant auch für uns, dass sie sich von ihren Feinden nur die Teile schnappen lassen, die sie entbehren können.Sie verschwinden schnell, um dann weiter positiv leben und agieren zu können. Eine Billion Dollar zusätzlich in den Vernichtungskreislauf ist nur die Verwässerung als Deflation.

  2. Baumann

    Ich versteh das nun wirklich nicht. Da sagt Hankel einerseits:
    - … daß Griechen, Italiener, Spanier und andere mit dem Euro an billige Kredite kamen.

    und andererseits:
    … können sie über Abwertung ihre Exporte ankurbeln und Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften sowie über niedrige Zinsen die Konjunktur ankurbeln.

    Wie um Himmels willen sollen Länder wie Italien, Spanien, Griechenland etc. zu niedrigeren Zinsen kommen, wenn sie aus dem Euro austreten? Das Gegenteil ist doch der Fall: die Zinsen werden aufgrund ihrer fürchterlichen Überschuldung stark steigen. Wohingegen ihre Exportfähigkeit verbessert wird, wenn sie abwerten können. Nicht nur wegen der Überschuldung zahlten z.B. die Italiener vor der Einführung des Euro weit höhere Zinsen als die Deutschen, sondern eben auch weil sie konstant abwerteten.

  3. m.geithner

    TV-Tipp: …manchmal kann man auch beim zdf-börsennachrichten noch etwas lernen: jetzt ist Deflation (“schön”),ABER -
    die eigentliche INFLATION (man beachte den zyklischen ablauf der aktuellen krise, im vgl. m.geschichtlichen beispielen)– die INFLATION soll erst nächsten jahres kommen, dann so über 3 jahre,… was dann noch stabil sein soll, könnte man mir mal erklären,.. bitte aber keine BILD-Artikel…
    das erinnert mich an die physikal.wikrung einer atombombe-explosion, lichtgblitz,druckwelle,IMLUSION,saurer regen… wenn das nicht genug sein soll für eine bombe… so stelle ich mir heute die aktuelle geld-u.öko-krise als wirkung aus die PSYCHE der menschen vor. Vgl.NIETZSCHE: “der wille zur macht”.
    Deshalb brauche wir die VOLKSINITIATVE – VON LINKS & RECHTS -SOFORT. was ist eigentlich so falsch an einer QUERFRONT ?

  4. m.geithner

    TV-Tipp: …manchmal kann man auch beim zdf-börsennachrichten noch etwas lernen: jetzt ist Deflation (“schön”),ABER -
    die eigentliche INFLATION (man beachte den zyklischen ablauf der aktuellen krise, im vgl. m.geschichtlichen beispielen)– die INFLATION soll erst nächsten jahres kommen, dann so über 3 jahre,… was dann noch stabil sein soll, könnte man mir mal erklären,.. bitte aber keine BILD-Artikel…
    das erinnert mich an die physikal.wikrung einer atombombe-explosion, lichtgblitz,druckwelle,IMLUSION,saurer regen… wenn das nicht genug sein soll für eine bombe… so stelle ich mir heute die aktuelle geld-u.öko-krise als wirkung auF die PSYCHE . Vgl.NIETZSCHE: “der wille zur macht”.
    Deshalb brauche wir die VOLKSINITIATVE – VON LINKS & RECHTS -SOFORT. was ist eigentlich so falsch an einer QUERFRONT ?




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