Gegen die Latte Macchiato-Linke

Kleine Standortbestimmung von Juergen Elsaesser

(Nicht vergessen: Veranstaltung der Volksinitiative am 07. April mit Hankel, Blessing, Elsaesser, 19.30 Uhr, Russisches Haus Berlin – Vorverkauf laeuft!!)

(…) Gerade deswegen bin ich aber alles andere als wohlgelitten bei der Latte-Macchiato-Linken mit ihrer aufgeschäumten Ideologie. So bezeichne ich das Gros der altgewordenen Achtundsechziger und ihren studentischen Anhang. Nach ihrem Gusto ist unter links all das zu verstehen, was dem Kapital nicht weh tut, womit sich aber tieffliegende Politikstudenten Karrierevorteile beim Marsch durch die Institutionen sichern können: Einsatz für Gender Mainstreaming und feministische Grammatik, für Robben in der Antarktis und Transsexuelle in der Mongolei, für die flächendeckende Aufzucht von Windkrafträdern und das sofortige Verbot des Doppelvergasers.

Dem steht entgegen, was ein Roter von altem Schrot und Korn wie ich gelernt hat, bevor sich Joschka Fischer und die Seinen den Begriff “links” unter den Nagel gerissen haben: Es geht um den Einsatz für die arbeitenden Klassen, gegen Not und Verelendung, gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Die Leute, für die wir kämpfen, sind Otto Normalverbraucher und Uschi Mustermann. Sie stehen morgens um sechs Uhr auf, schmieren für die Kinder die Pausenbrote, hasten in den Betrieb, malochen acht oder neun Stunden und kontrollieren abends die Hausaufgaben. Diese Leute erarbeiten den Reichtum dieser Gesellschaft, und doch werden sie betrogen und belogen, von Schwarz und Gelb ebenso wie von Rosa, Grün und – jedenfalls im Land Berlin – auch von Rot.

Wer wie ich die soziale Frage in den Mittelpunkt stellt, steht seit einigen Jahren vor einer ganz neuen und unerhörten Herausforderung: dem Angriff der Heuschrecken. Heuschrecken, das ist die letzte und bis dato bösartigste Mutation der Spezies Raubtierkapitalisten. Den Begriff hat der selige Franz Müntefering im Mai 2005 erfunden, und wenn ich auch sonst nicht gerade ein Anhänger von ihm bin – das jedenfalls hat er treffend ausgedrückt: Heuschrecken, das bebilderte einen recht komplizierten Sachverhalt mit einem weithin bekannten Gleichnis aus dem Alten Testament. Heuschrecken, das weiß hierzulande fest jeder, war eine der biblischen Plagen, die das Überleben der Kinder Gottes bedrohten. Und so wie damals Schwärme gefräßiger Insekten über blühende Landschaften herfielen, so sind es heute deren finanzielle Wiedergänger, die Hedge-Fonds oder Private-Equity-Fonds, die gesunde Volkswirtschaften und rentable Betriebe kahl fressen. Die gierigen Parasiten lauern ihrer Beute auf, saugen sich an produktiven Standorten fest, schlürfen alle Rentabilität heraus, spucken die darin enthaltene lebendige Arbeitskraft in die Gosse und überlassen schließlich den industriellen Kadaver irgendeinem Abdecker zum Ausschlachten. Buy it, strip it, flip it – so heißt die Devise der modernen Heuschrecken: Betriebe aufkaufen, auseinandernehmen, wegschmeißen. Dabei handeln sie, auch das wird im folgenden deutlich werden, im Auftrag großer Investmentbanken, die sie mit dem nötigen Leihkapital für ihre Raubzüge ausstatten.

(Auszug aus meinem neuen Buch NATIONALSTAAT UND GLOBALISMUS, erscheint Mitte April)



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